Die documenta-Künstlerin Louise Bourgeois starb 98-jährig in New York

Schatten der Kindheit

Eine Figur für Opfer und Täter: Die Skulptur war 2002 in der documenta 11 in Kassel zu sehen. Foto: Koch

In der Mitte des Raumes ein Käfig. Darin auf dem Podest eine Büste, eine weibliche Figur vorstellend. Der gesenkte Kopf ist aus dem gleichen rosafarbenen Stoff gefertigt wie der leicht geöffnete Umhang. Der Kopf ist vernäht. Aber die Nahtspuren sind so angelegt, dass sie wie Narben wirken, wie Spuren tiefer Verletzungen. Eine Opfer- oder eine Täter-Figur?

Das war die zentrale Arbeit, die die aus Frankreich stammende Künstlerin Louise Bourgeois in der documenta 11 zeigte. Sie war damals 91 Jahre alt. Am vergangenen Montag ist Louise Bourgeois in New York im Alter von 98 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben.

Von der Unruhe, Antworten auf ungeklärte Fragen zu erhalten, war Bourgeois angetrieben. Verdrängte Sorgen und Ängste der Kindheit hat sie unzählige Male verarbeitet - die Übermacht des Männlichen und des Vaters, Spuren der Gewalt und das Gefühl, als Mädchen unerwünscht gewesen zu sein. Später kam die Angst vor dem Versagen hinzu.

Louise Bourgeois wurde zu der Künstlerin, die den Freud’schen Theorien der Psychoanalyse eigene Bilder hinzufügte. Stilistisch ist sie nicht leicht einzuordnen. Manchmal spürt man eine Nähe zum Surrealismus, andere Arbeiten deuten auf einen neuen Symbolismus. Das Faszinierende an ihrem Werk ist, dass man die Skulpturen sofort versteht, aber bei ihrer Ausdeutung auf Rätsel stößt. Bourgeois war eine der ersten Künstlerinnen, die jeweils für ihre Plastik auch einen Raum schufen, also den Weg zur Installation bahnten.

1938 ging die am ersten Weihnachtstag 1911 in Paris geborene Künstlerin nach New York, um dort den Museumskurator Robert Goldwater zu heiraten. In New York fand sie früh Anerkennung. Doch sie musste 80 Jahre alt werden, bevor der internationale Kunstbetrieb sie zur Kenntnis nahm.

Ihren Durchbruch erzielte sie 1992 in der Kasseler documenta 9. Ein Jahr später bespielte sie den amerikanischen Pavillon in der Biennale von Venedig. Dann folgten rund um die Welt Übersichtsausstellungen. 2007 widmete die Tate Modern in London Louise Bourgeois eine umfangreiche Retrospektive. In der riesigen Eingangshalle war ihre monumentale Spinnenskulptur „Maman“ zu sehen, die zu ihrer populärsten Arbeit wurde.

1999 erhielt Bourgeois den Praemium Imperiale, den bedeutendsten Preis für zeitgenössische Kunst.

Von Dirk Schwarze

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