Schau im Billy-Regal: Die Kunsthochschule im neuen Raum am Kulturbahnhof

Thema Verlust und Erinnerung: Installation von Julia Bavyka. Foto: De Filippo

Kassel. Ein Ort zum Ausstellen und zum Experimentieren: Der fehlte Lehrenden und Studierenden der Kasseler Kunsthochschule bislang. Mit Interim, einem Raum in der Nachrichtenmeisterei am Kulturbahnhof, haben sie nun ein Domizil gefunden.

„Die Studierenden brauchen einen Ort, an dem sie auch außerhalb des Rundgangs ausstellen können“, sagt Rektor Prof. Christian Philipp Müller. Zwar sei der Säulengang im Südbau an der Menzelstraße für diesen Zweck vorgesehen. „Doch der ist lange Zeit vernachlässigt worden und braucht dringend eine Renovierung.“

Als Übergangslösung dient nun der Raum Interim - in zentraler Lage am Kulturbahnhof, mit Industrieflair und fünf Meter hohen Decken. Ein Ort, an dem Lehrende und Studierende künftig gemeinsam Kunst präsentieren werden. „Das ist eine gute Gelegenheit zu sehen, wie sich das eigene Werk im Kontext einer Ausstellung verändert“, erklärt Müller.

Die erste Schau bestreitet die Künstlergruppe Famed, die vor einem Jahr eine Gastprofessur an der Kunsthochschule hatte, gemeinsam mit Studenten. Die Ausstellung ist eine logische Fortsetzung eines Seminars, in dem es vor allem ums Lesen von Texten ging. Für die Schau hat Famed - wie passend - einen Raum im Raum aus weißen Ikea-Regalen geschaffen. Ein Sinnbild des Sammelns und Archivierens, das von den jungen Künstlern mit Inhalt gefüllt wurde.

Eindrucksvoll ist die Installation von Julia Bavyka, die sich mit Verlust und Erinnerung als Folge von Migration beschäftigt. Auf einer Fläche, die ungefähr der eines Koffers entspricht, hat sie Objekte aus ihrem familiären Umfeld gestapelt. Was nimmt man mit, wenn man seine Heimat verlässt? Gleich daneben ist an der Rückwand der Satz „Ich kann nicht weiterschreiben“ zu lesen. Karla Aslan verweist auf die vielen Texte, die ungeschrieben bleiben, weil sie nur in den Gedanken des Autors existieren.

Mit deutschem Liedgut - und dessen unterschiedlicher Interpretation im Zuge der Geschichte - beschäftigt sich eine Videoarbeit von Tim van de Bovenkamp. Jonathan Pirnay hat aus 20 000 Tweets, die während der London Riots im Internet veröffentlicht wurden, ein Buch gemacht, und Eric Pries hat sich für seine Arbeit vom Scheitern Don Quijotes inspirieren lassen. Maja Wikus dokumentiert mit zwei Fotos, die sich nur durch winzige Details voneinander unterscheiden, den Aufbau der Ausstellung, und Holger Jenss spielt in seiner Fotografie „Die Fjorde“ mit stereotypen Vorstellungen von Skandinavien. Ein gelungener Auftakt.

Bis 2. März, Franz-Ulrich-Str. 6, Mi bis Sa 17 bis 20 Uhr.

Von Pamela De Filippo

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