Lange verschollen, jetzt öffentlich zu bestaunen

Schau zu Kriegsverlusten im Schloss Wilhelmshöhe

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Schutz vor Bombardierung: Einlagerung von Kunstgut im Bunker Breiter Hagen in Bad Wildungen in den 1940er-Jahren.

Kassel. Wenn Kunst zum Krimi wird: Das Kasseler Museum Schloss Wilhelmshöhe präsentiert eine Ausstellung zum Thema Verluste im Zweiten Weltkrieg und zur Rückgewinnung von Gemälden.

„Wir stellten fest, dass die besonders eingebaute Stahltür mit starkem Sicherheitsschloss mittels eines Schweißapparates geöffnet war“, notierte Felix Pusch, „Bunkerwart“ in Bad Wildungen, im Tagebuch, als er am 20. April 1945 mit dem US-Captain Tyroler den Luftschutzkeller der Kurverwaltung Bad Wildungen inspizierte. Er war einer von zahlreichen Auslagerungsorten, in die Kasseler Kunstschätze gebracht worden waren, um sie vor Bomben zu schützen.

Der kriegsbedingten Auslagerung, dem Verlust und der Wiedergewinnung von Kasseler Kunstschätzen widmet sich eine Kabinettausstellung im Museum Schloss Wilhelmshöhe, die bis zum Herbst neben Gemälden auch Dokumente, Briefe, Kataloge und Fotos zum Thema versammelt.

1974 aus New York zurückgekehrt: Caspar Netschers „Bildnis einer Dame in Witwentracht“ aus dem Jahr 1670 wurde bei Sotheby’s eingeliefert.

Pusch und der US-Militärgouverneur zählten im aufgebrochenen Raum statt der verzeichneten 68 nur noch sieben Bilder und einen leeren Rahmen. „In den anderen Kellerräumen war ein wüstes Durcheinander“, notierte Pusch. Im Flur „lagen oder standen die kostbaren Bilder herum, waren zum Teil durchgestoßen oder zerschnitten. Eine Anzahl leerer Rahmen und Keilrahmen zeugte von Diebstählen.“ Genau lassen sich die Zerstörungswut und Plünderungen seitens der Bevölkerung und der Soldaten nicht rekonstruieren. Die Überreste wurden in den Bunker Breiter Hagen und im Herbst ’45 nach Kassel gebracht.

Wird noch vermisst: „Der Scheidekünstler in seiner Werkstatt“ (1663) von Cornelis Pietersz. Bega.

Die Geschichte ist damit aber nicht zu Ende. Das berühmte „Hildebrandslied“ und der „Willehalm Codex“ der Landesbibliothek, die ebenfalls in Bad Wildungen eingelagert waren, wurden nach abenteuerlichen Irrwegen 1972 zurückerworben. 1973 tauchten erste Bad Wildunger Bilder im Kunsthandel auf. Gemälde von Caspar Netscher, Cornelis de Heem und Justus Juncker, die bei Sotheby’s versteigert werden sollten, wurden zurückerworben. Das deutsche Generalkonsulat in New York hatte eilends die Auktion gestoppt. In den 80ern gab es weitere Rückgewinnungen, etwa von David Teniers „Empfang einer Fürstin am Brüsseler Statthalterpalais bei Nacht“. Seine Besitzerin hatte sich aus Pittsburgh arglos brieflich an die Staatlichen Kunstsammlungen gewandt.

Zuletzt glückte, dank der Unterstützung der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, die Rückkehr eines weiblichen Bildnisses, das vermutlich dem Umkreis Domenico Tintorettos zuzuschreiben ist. Der Besitzer habe Entgegenkommen gezeigt und „den Marktwert nicht ausgereizt“, wie Bernd Küster, Direktor der Museumslandschaft Hessen Kassel, hervorhebt.

Andere Rückgaben scheiterten - weil die Bilder bereits weiterverkauft waren, ehe man intervenieren konnte, wie 1976 ein bei Christie’s versteigertes Gemälde von Jan Miel, oder an hohen Forderungen der Besitzer. Manche sind in schlechtem Zustand, „sie wurden sicher nicht in Klimakisten in die USA gebracht“, wie Justus Lange, Leiter der Gemäldegalerie, sagt. Es brauchte auch im jüngsten Fall Geduld und lange Verhandlungen: „Wir können nicht blind irgendetwas kaufen, und auch nicht zu jedem Preis.“

Neun Bad Wildunger Bilder sind noch verschollen. Eines hängt in der Ausstellung als Schwarz-Weiß-Foto im beschädigten Originalrahmen, der noch vorhanden ist. Alle diese Gemälde sind in der Datenbank lostart.de verzeichnet, die die Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg betreibt. Die heutige weltweite Vernetzung und vor allem das gestiegene Bewusstsein für die unklare Provenienz (Herkunft) kriegsbedingt verloren gegangener Kunstschätze lassen die Kasseler Experten hoffen, dass weitere Bilder auftauchen, die 1945 abhandengekommen sind.

Service 

Die Kabinettausstellung „Kassel - Bad Wildungen - New York. Die Rückkehr der venezianischen Dame“ ist bis zum 29. November im Museum Schloss Wilhelmshöhe zu sehen. Öffnungszeiten: Di-So und feiertags 10-17 Uhr, Mi bis 20 Uhr. Eintritt: 6 Euro, ermäßigt 4 Euro, bis 18 Jahre frei. Eine erste Sonderführung wird Justus Lange, Leiter der Gemäldegalerie Alte Meister, am Mittwoch, 18. März, 17 Uhr, anbieten.

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