Schau zum Schaudern und Schmunzeln

Skurril: Das Sepulkralmuseum zeigt zahlreiche Instrumente, mit denen geprüft wurde, ob Verstorbene tatsächlich tot sind oder durch die sie wieder ins Leben gerufen werden sollten. Fotos: Koch

Kassel. Das Museum für Sepulkralkultur in Kassel präentiert eine facettenreiche Ausstellung zur Ungewissheit des Todes und zur Angst vor dem Scheintod.

Als im Jahr 1803 in Mainz innerhalb von 24 Minuten der Räuber Schinderhannes und 19 seiner Kumpane hingerichtet wurden - erstmals kam in Deutschland das Fallbeil zum Einsatz -, fingen die Henker das Blut auf, dem magische Kraft und Schutz vor Krankheiten zugesprochen wurde, und verkauften es an Schaulustige. Zehntausende hatten das Spektakel verfolgt.

Gleichzeitig experimentierten Ärzte der „Medizinischen Privatgesellschaft zu Mainz“ mit den abgetrennten Köpfen - sie testeten akustische Reize, setzten sie unter Strom und betrachteten die Zuckungen der Gesichtsmuskulatur.

Wer die neue Sonderausstellung im Kasseler Museum für Sepulkralkultur mit dem Titel „Vita Dubia - Über die Ungewissheit des Todes und die Angst, lebendig begraben zu werden“ besucht, ist „zwischen Schaudern und Schmunzeln“ hin- und hergerissen, wie es Volker Böhm von den Berliner Ausstellungsmachern „h neun - Büro für Wissensarchitekturen“ sagt. Es gibt allerhand gruselige, bizarre und skurrile Exponate, die zeigen, welche merkwürdigen Blüten die Angst vor dem Scheintod und die Hoffnung, Verstorbene wieder zum Leben erwecken zu können, getrieben hat.

Die Exekution des Schinderhannes steht für einen Übergang im Denken, erläutert der kommissarische Museumsleiter Gerold Eppler: Der Glaube an Wunder und übernatürliche Zauberkräfte wird abgelöst von aufklärerisch-naturwissenschaftlicher Neugier. Es geht nicht mehr um die Rettung des Seelenheils, die Reise ins Jenseits, die gut gelingen sollte, sondern um den nüchternen medizinischen Blick, der in der Ausstellung durch ein „Bücherband“ mit akademischen Abhandlungen symbolisiert wird.

Den Umbruch dekliniert die facetten- und detailreiche Schau anhand vieler Beispiele durch - wie der Popularität von Mary Shellys „Frankenstein“-Roman, den ersten Leichenhäusern und den ersten Sektionen.

Die Entdeckung der Elektrizität war ein wichtiger Schritt für die Fortschrittseuphorie. Man glaubte, eine verborgene „Lebenskraft“ finden zu können, versuchte, Leichname wiederzubeleben, nachdem Luigi Galvani mittels Stromstößen Froschschenkel hatte zucken lassen. Präsentiert sind groteske Apparaturen und Mittel, mit denen überprüft wurde, ob Verstorbene wirklich tot sind, und Wiederbelebungsversuche - Klistiere, Schröpfen, Skalpelle, Aderlässe, glühend heißer Wachs, aber auch laute Trompetentöne - sowie abenteuerliche Vorkehrungen und Konstruktionen für Rettungsmechanismen. Da verbindet etwa ein ausgetüfteltes System von Stricken einen Sarg mit den Kirchenglocken, die ein lediglich Scheintoter läuten könnte.

Der Umgang mit den Toten mutet oft grausam und mitunter auch komisch an - spätestens an manchen Prozeduren wären die Scheintoten endgültig gestorben, sagt Eppler. Aber die Fragen - wo die Grenze von Leben und Tod verläuft, wann dieser unwiderruflich eintritt, ob sich der Tod irgendwann besiegen lassen wird - beschäftigen auch uns heute und haben gesellschaftliche Brisanz. Letztlich schließen auch Defibrillatoren an frühe Experimente mit der Elektrizität an.

Und künftig? Kryoniker lassen sich nach ihrem Ableben bei minus 196 Grad in flüssigem Stickstoff lagern in der Hoffnung, dass sie irgendwann zum Leben erweckt werden.

Service

Die Ausstellung ist bis zum 16. April im Museum für Sepulkralkultur, Weinbergstr. 25-27, zu sehen. Geöffnet Di-So 10-17 Uhr, mittwochs bis 20 Uhr. Eintritt: 6 (4) Euro. Jeden Mittwoch um 18 Uhr Führung. Umfangreiches Begleitprogramm, erster Termin: Am 11. November, 19 Uhr, stellen Angelika Franz und Daniel Nösler ihr Buch „Geköpft und gepfählt. Archäologen auf der Jagd nach den Untoten“ vor.

www.sepulkralmuseum.de

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