Tragödientrilogie „Die Orestie" hatte Premiere

Schauspiel: Der Moment, wenn der Zweifel einsetzt

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Mal als Chor, mal in individuellen Rollen: Eva-Maria Keller (von links), Uwe Steinbruch, Marius Bistritzky, Christian Ehrich, Enrique Keil, Christina Weise, Hagen Bähr, Konstantin Marsch und Caroline Dietrich sind das Ensemble von „Die Orestie“.

Johanna Wehners großartige Inszenierung von Aischylos' antiker Tragödientrilogie „Die Orestie" hatte Premiere

Kassel. Am Ende fragt die Göttin Athene (Eva-Maria Keller), ob die Menschen Gerechtigkeit oder Rache suchen. Ob sie bereit sind, ihr Handeln nach vernunftbasierten Maßstäben prüfen zu lassen, oder sich darauf berufen, es ginge um einen alten Fluch, der Morden und Metzeln vorherbestimme, gegen den man also nichts machen könne.

Aischylos’ Tragödientrilogie „Die Orestie“ feierte am Freitag im nicht ausverkauften Kasseler Schauspielhaus Premiere, und die großartige Inszenierung von Johanna Wehner präparierte die Aktualität des antiken Stoffs heraus, ohne sie banal ins Heute zu transferieren. Lang anhaltender Applaus würdigte die fulminante Ensembleleistung von Caroline Dietrich, Christina Weiser, Eva-Maria Keller, Marius Bistritzky, Hagen Bähr, Konstantin Marsch, Christian Ehrich, Enrique Keil und Uwe Steinbruch, die mal als antiker Chor und mal in individuellen Rollen auftreten.

Die Geschichte um Orest, der aus der Verbannung nach Hause zurückkehrt und seine Mutter und deren Liebhaber tötet aus Rache für deren Mord an seinem Vater, siedelt Wehner in einer alten Villa an. Bühnenbildner Benjamin Schönecker hat sie in großartigem Detailreichtum als verstaubte Erinnerung an einstige Grandezza gestaltet. Nostalgische Fliesen sind über den Waschbecken angebracht, auf einigen aber auch Klebebildchen wie aus Süßigkeitenpackungen. Es gibt Kronleuchter, eine Standuhr, die immer mal aufgezogen wird, ein Wandtelefon, einen großen Tisch in der Mitte und eine Treppe. Am Anfang trauen sich die Figuren von der Balustrade dort kaum hinunter. Wie kehrt man zurück in den Alltag, in das Zuhause am Ende eines Kriegs? Eine Staubwolke schwebt in der Luft, auch Frisuren und Gewänder (Ellen Hofmann) wirken verstaubt, altmodisch, auch wenn es sich um normale Jeansjacken, Strickpullunder und Chinohosen handelt.

Die neun Darsteller sprechen als Chor stark rhythmisiert, oder sie ergänzen einander wortweise die Sätze. Hier wird eine genaue Personenführung sichtbar, eine präzise Choreografie des Ensembles, das mal als Menschenmenge, mal gar als wütender Stammtisch-Mob in Prügellaune und mal in zögerliche Individuen auseinanderfällt.

In der Stimmenvielfalt verbalisiert sich das Nachdenken über die immer wieder variierte Kernfrage: Handeln oder Schweigen. Verantwortung übernehmen und die Gewaltspirale der Rache unterbrechen, oder sich in der Masse wegducken? Die von Johanna Wehner auf Basis der Übersetzung von Peter Stein erstellte Textfassung arbeitet bis ins Kleinste durchanalysiert mit Wortwiederholungen, mit klassischen („Ein Stier steht mir auf der Zunge.“) ebenso wie mit umgangssprachlichen Formulierungen („Hömma“), und setzt Brüche an jene Stellen, wo der Zweifel einsetzt.

Zu den Höhepunkten gehören Christina Weisers verbitterter Monolog als Klytaimnestra, die von der Demütigung durch ihren Mann und der niemals stillbaren Trauer über dessen Mord an ihrer Tochter Iphigenie spricht, Enrique Keil, der als Agamemnon nach Kriegsende im Alltag ankommen will und am Tisch vergeblich versucht, Hände zu schütteln. Und Hagen Bähr, der als Orestes am Ende gerichtlich freigesprochen wird. Er sitzt dann aber ratlos da, während um ihn herum Dutzende Grabkränze aufgestellt werden. Die Villa wird zur Gruft.

Wieder am 21., 25.2., Karten: 0561-1094-222.

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