Schauspieler Ulrich Tukur überrascht mit dunklen Chansons

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Die Stimmung der Nacht einfangen: Ulrich Tukur. Foto:  Katharina John / nh

Alte Schellackplatten sammelt Ulrich Tukur mit Leidenschaft. Ihn fasziniert die akustische Reise in eine ferne Epoche, gesättigt mit Chansons und Balladen, die gleichermaßen vom Optimismus der Weimarer Jahre wie von deren Lust an der Dekadenz geprägt waren.

Jetzt hat der wandelbare Schauspieler (53) ein Album aufgenommen, das die Nacht verehrt. Für „Mezzanotte“ hat er in seiner Plattensammlung gekramt und unbekannte Titel ausgegraben, die vom geheimnisvollen Leben in den dunkelsten Stunden künden: Von Rausch und Ernüchterung, von Schäferstündchen und Liebessehnsucht.

Mit aufgepimpter Max-Raabe-Verschraubtheit hat das nichts zu tun - Tukur pflegt einen anderen Stil, bekennt sich zu seinem unvoluminösen Tenor, hält sich an eine Art Sprechgesang mit verrucht-vieldeutiger Grundierung.

Dazu kommt die große musikalische Besetzung unter Leitung von Lutz Krajenski, der sonst für Roger Cicero arrangiert. Das ist sicher Meilen von Ulrich Tukurs erster Studentencombo entfernt, die nach eigenen Angaben „Schleim- und Behelfsjazz“ machte, hat allerdings auch nichts mit der Lockerheit der Tukur normalerweise begleitenden Rhythmus Boys zu tun. Die Titel sind elegant arrangiert und auf den Punkt gespielt - manchmal allerdings tut das Orchester zu viel des Guten und verwischt das Markante an Tukurs Gesangsstil zu stark ins Liebliche. Eine Entdeckung ist „Hörst du das Meer?“, eine Ballade, die Tukur ent-schnulzisiert und im Duett mit dem Ufa-Star Margot Hielscher vorträgt. Die Filmdiva stand in den 40ern mit Zarah Leander vor der Kamera, sie ist heute über 90, singt aber mit anrührender Gänsehaut-Inbrunst.

Neu entstanden ist „Die Großstadt träumt“. Getextet von Tukur erinnert die klavierbegleitete Metropolen-Collage an Lyrik der Expressionisten: „Die Großstadt ... liegt am Boden wie ein müdes Tier“.

„Mitternacht, Mitternacht“ ist ein fröhlich daherflanierendes Swing-Stück, und bei dem Tango „Venezia, la luna e tu“ begibt sich Tukur, italienisch gesungen, mit Reibeisenduktus auf die Spuren Paolo Contes - ein wilder Höhepunkt des Albums, das auch französischsprachige Chansons bereithält („Le soleil et la lune“). In Englisch swingt das legendäre „Illusions“, das Marlene Dietrich im Billy-Wilder-Film „A Foreign Affair“ gesungen hat. Der einzige Titel übrigens, der nichts mit der Nacht zu tun hat, aber Marlene sang im Nachtclub, so kriegt man dann den Bogen.

Auch eine versteckte Überraschung gibt es: Einer der bekanntesten Nacht-Schlager überhaupt, gesungen mit derartiger Verhaltenheit, instrumentiert ganz dunkel und schräg, als wäre das Stück kurz vor Dämmerung im euphorisierten Zustand totaler Müdigkeit aufgenommen worden. Toller Abschluss „unter der Laterne, vor dem großen Tor“.

Ulrich Tukur: Mezzanotte (Deutsche Grammophon).

Tukur ist im Herbst auf Tour.

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