Schauspielpremiere: Der gute Mensch der Schulkantine

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Zaubert ein tolles Menü in die Schulkantine: Caroline Dietrich als Constant (links) mit Michaela Klamminger als Schülerin.

Kassel. Am Schauspielhaus inszeniert Intendant Thomas Bockelmann das Köchinnen-Drama „Götterspeise".

„Du trägst dein Inneres außen und träumst von Gnade“, singt Peter Gabriel aus den Lautsprechern, und auf der Bühne ist Constant zu den melancholischen Klängen des Popklassikers „Mercy Street“ ganz mit sich allein. Sie schminkt sich die Lippen, malt mit Lippenstift ein Herz auf den Oberarm, einen Pfeil über den fast nackten Körper, der auf ihre Scham weist. Die Discokugel streut Sternenfunken in die Luft, und einen Moment lang sind da ganz viel Hoffnung und Traurigkeit im Raum.

Dies ist die bewegendste Szene aus dem Eröffnungsabend der Schauspielsaison am Kasseler Staatstheater mit „Götterspeise“. Die Inszenierung des Dramas von dem jungen US-Autor Noah Haidle von Thomas Bockelmann wurde am Freitag im nicht ausverkauften Haus mit langem Applaus aufgenommen.

Caroline Dietrich spielt Constant – den guten Menschen vom Mittagessen – als vielfarbiges Emotions-Chamäleon: bedrückt, taff, albern, erotisch, mütterlich. Und: sich immer wieder am letzten Strohhalm der Hoffnung und am Glauben an das Gute im Menschen festhaltend. Auch wenn Constant in diesem Melodram gar nicht gut dran ist.

In jeder der vier Szenen ihre Aufgaben anfangs mit Enthusiasmus angehend, wird sie regelmäßig so gekränkt, dass sie die Situation eskalieren lässt – oft mit Gewalt. Das führt die Köchin aus einer Schulkantine, die sie kulinarisch aufpeppen will, in einen Imbissladen, in eine Psychiatrie und zuletzt in die Todeszelle, wo sie nur noch ihre Henkersmahlzeit zubereiten darf.

Haidle stellt die Moral, einen unschuldigen Glauben an das Gute und die Verbesserbarkeit des Menschen arg plakativ kontrastierend gegen die allgemeine Gleichgültigkeit und das Scheitern an der zynischen Realität. In der Textvorlage wird etwa die überschäumende Liebe von Constant zu ihrem vom Vater sitzengelassenen Baby mit dickem Pathos zur Schau gestellt. Mag sein, dass es zusätzlich auch an Schwächen der Übersetzung liegt, aber allein vom Hören des Textes ist man oft kurz vor einem verbalen Zuckerschock. Gut, dass die Schauspieler und die Inszenierung dem entgegenwirken. Mit vielen komischen Miniaturen, vor allem von Bernd Hölscher als durchgeknallter Arzt, geschmeidiger Imbisskettenchef und jovialer Schulleiter, aber auch von den anderen Darstellern, alle in wechselnden Rollen und mit auffallenden Perücken (Ulrike Obermüller): Michaela Klamminger, Arthur Spannagel, Christina Weiser und Marius Bistritzky.

Einmal machen sie einen Song aus einem der aufwendigen Rezepte, die Constant für die Menschheit vorsehen möchte: Rappend, tanzend und als lasziver Chanson singen sie von Gänsefett und davon, „den Wein auf kleiner Flamme köcheln“ zu lassen.

Etienne Pluss hat für die Bühne eine Universal-Massengastronomie mit Drehhockern gestaltet, deren Decke sich von Szene zu Szene mehr absenkt, je enger die Spielräume Constants werden.

Ganz am Ende gibt es noch einen glücklichen Moment für Constant. Er dauert so lang, wie man benötigt, um einen Plastikbecher Götterspeise zu löffeln.

Nächster Termin am 2. Oktober, da ist auch Autor Noah Haidle zu Gast. Kartentelefon: 0561-1094-222.

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