Napoleon machte Kassel zur Hauptstadt eines Königreichs

Scheitern eines Modells

Herrschte in Kassel als „König Lustik“: Napoleon-Bruder Jérôme Bonaparte. Foto: nh

Kassel. Neben seinen militärischen wollte Napoleon mit einem am Reißbrett geschaffenen Königreich namens Westphalen „moralische Eroberungen“ machen - indem er in Kassel, der Hauptstadt dieses Retortengebildes, 1807 seinen 15 Jahre jüngeren Bruder Jérôme Bonaparte (1784-1860) als Regenten einsetzte und auf eine Umwälzung und Modernisierung der Staats- und Wirtschaftsordnung drängte.

Schließlich war es aber auch Napoleon selbst, der für das Scheitern dieses Modellstaats verantwortlich war - indem er ihm finanzielle Verpflichtungen durch Altschulden, Steuern und Zwangsanleihen auferlegte, die den aus 15 Vorgängerterritorien zwischen Magdeburg und Osnabrück zusammengeschusterten Kunststaat überforderten. Auch die Rekrutierungen von Wehrpflichtigen für Napoleons Feldzüge machten die Besatzung im ehemaligen Kurfürstentum Hessen-Kassel, dem Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel, in Teilen des Kurstaates Hannover, Fürstbistümern und den preußischen Gebieten westlich der Elbe nicht beliebter.

Andererseits staunten Zeitgenossen wie der Jurist Anselm von Feuerbach 1808, wie die Ideen der Revolution östlich des Rheins etabliert wurden: „Wohin Napoleons Gesetzbuch kommt, da entsteht eine neue Zeit, eine neue Welt, ein neuer Staat.“ Es war eine Revolution von oben: erste geschriebene Verfassung, Parlament, bürgerliches Gesetzbuch (Code Civil), Beseitigung der altständischen Ordnung, Aufhebung der Zünfte, Gleichstellung der Juden, Trennung von Staat und Kirche, Justizreformen - all das in atemberaubender Geschwindigkeit. Doch als Kurfürst Wilhelm I. 1813 zurückkehrte, stand Hessen vor dem Bankrott. Der alte und neue Souverän drehte die Uhr schnellstens in Richtung Feudalordnung zurück.

Die Ambivalenzen des Modernisierungsschubs der nur knapp sechsjährigen Regentschaft des jungen Jérôme Bonaparte als Monarch von seines Bruders Gnaden stellte 2008 eine hervorragende Landesausstellung im Fridericianum in Kassel dar. Die Schau widerlegte die Klischees von Jérôme als einem leichtlebigen „König Lustik“. Thema war auch der französische Kunstraub. Als Leihgaben zu sehen waren Werke, die Kassel durch die französische Besatzung verloren hatte - wie Claude Lorrains „Tageszeitenzyklus“ aus St. Petersburg.

Von Mark-Christian von Busse

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