Aribert Reimanns bewegende Oper „Medea“ in Frankfurt

Scheitern in der Fremde

Unverstanden: Claudia Barainsky als Medea. Foto: nh

Frankfurt. Eine archaische Geschichte hat Aribert Reimann seiner achten Oper zugrunde gelegt, und doch durchzieht sein Werk ein hochaktueller Konflikt. Für seine „Medea“ hat er auf den Text von Franz Grillparzer zurückgegriffen - eine raue Version des Stoffes, die das Fremde, das Unbehauste, der Titelfigur betont. Die Isolation der Kolcherin im Land der Griechen stellt Marco Arturo Marelli, der schon die Wiener Uraufführung des Werks im Februar gestaltete, in seiner Inszenierung der „Medea“ in Frankfurt in den Mittelpunkt.

Der Regisseur versetzt die harsche Handlung in eine ungastliche Szenerie. Über einer schroffen Vulkanlandschaft schwebt ein heller Würfel aus Plexiglas, einzig zu erreichen über eine schmale Metallstiege - hier hinauf, ins Zentrum der Macht, strebt der Abenteurer Jason, seine Gattin aber wird die Stufen nur einmal erklimmen, wenn sie sich am Spiel der Lyra versucht. Scheiternde Kulturaneignung.

Reimanns Medea ist eine Figur von Strauss’schem Zuschnitt, gezeichnet von Enttäuschung, Leid und Wut, versucht sie vergebens, in der Fremde Fuß zu fassen. Bühnenbild und Kostüme (Dagmar Niefind) betonen den Gegensatz zwischen den Gästen aus einer archaischen Welt und den Repräsentanten der griechischen Hochkultur. Erst tragen die Kinder Medeas orientalische Kappen, die ihnen der Vater vom Kopf reißt, wenn er vor Kreon hintritt. Flugs hat der Heimkehrer den Soldatendrillich ausgetauscht gegen feinen Zwirn, während die einen Schleier tragende Medea vor den Toren des Palasts ihre Rechte einklagt.

Reimanns Musik begleitet das Schicksal der Eheleute mit einem schillernden Klangteppich, den das Orchester unter der Leitung von Erik Nielsen souverän ausbreitet. Zuweilen auffahrend mit Pauken und Posaunen, dann wieder von leiser Zurückhaltung, Liebe und Entfremdung spiegelnd. Immer um Nähe zum Text bemüht und den Sängern viel Raum lassend.

In der deutschen Erstaufführung bewältigt Claudia Barainsky ihre Rolle der Medea auch stimmlich mit Bravour. Michael Nagy ist ein schmächtiger Jason, ein Aufsteiger mit viel Schmelz in der Kehle, eher steif kommt Michael Baba als Kreon daher, dessen blasse Tochter Kreusa Paula Murrihy kühl vorstellt.

Am Kasseler Staatstheater beginnt die neue Saison auch mit einer Reimann-Oper: Premiere für „Lear“ ist am 18.9.

Weitere Vorstellungen: 17. und 25.9., 8. und 16.10. Karten: 069 /13 40 400.

Von Gerd Döring

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