„Scheitern passiert uns allen“: Theaterautor Michael Frayn im Interview

Kassel. Die berühmte britische Komödie „Der nackte Wahnsinn“ läuft gerade mit Erfolg am Kasseler Schauspielhaus. Darin geht es um eine Schauspieltruppe, deren Arbeit im Chaos endet. Wir trafen den Autor Michael Frayn im Theaterfoyer.

Mit übereinandergeschlagenen Beinen, die weiße Socken freigaben, sprach der 78-Jährige über seine Figuren und das Scheitern. Hochkonzentriert und leise wechselte er im Gespräch zwischen Englisch und Deutsch.

In „Der nackte Wahnsinn“ zeigen Sie, wie Menschen ewig an einem Projekt festhalten, das längst gescheitert ist - warum tun wir Menschen das?

Michael Frayn: Manche Figuren im Stück sprechen stur den Text weiter, ob er passt oder nicht, manche improvisieren. So ist es auch im Leben: Wir Menschen haben verschiedene Strategien, mit dem Scheitern umzugehen. Manche denken sich etwas aus, manche klammern sich stur an das Altbekannte.

Was macht das Stück so komisch?

Frayn: Dass das Scheitern uns allen passiert. Wir stehen alle unter Druck und erleben es als Erleichterung, wenn wir jemand anderen scheitern sehen.

Warum schauen wir so gern anderen beim Scheitern zu?

Frayn: Wir wissen alle nicht, ob wir mit unserer Performance weitermachen können. Unser Leben ist so eine Performance. Manchmal haben wir eben Texthänger oder auch Zusammenbrüche.

Wie kam der Erfolg?

Frayn: Anfangs hat man gesagt, dies ist die Parodie einer britischen Sex-Farce, die kann nie anderswo gezeigt werden. Aber es stellte sich heraus: Das Thema ist universell. Dabei wünsche ich allen Schauspielern, die mein Stück von Korea bis Deutschland spielen, Gesundheit. Eine Aufführung von „Der nackte Wahnsinn“ ist gefährlich. All der Slapstick! Ich fühle mich schuldig, wenn es Verletzungen gibt, was durchaus vorkommt.

Sie haben gesagt, dass man nur in den Dialogen herausfinden kann, was die Figuren in einem Stück denken und fühlen. Wie schreiben Sie Dialoge?

Frayn: Man hat in einem Stück nicht viel Zeit. Leser von Romanen können sich Monate mit einer Figur beschäftigen. Die Stück-Dialoge müssen scharf und zugespitzt sein.

Wie finden Sie Ihre Themen?

Frayn: Man muss fragen, wie ein Thema mich findet. Manche Stoffe schlagen in mir Wurzeln und fangen an zu wachsen. Ich habe nicht die Wahl, eine Idee aktiv zu finden.

Erlebt man nach 30 Jahren „Nackter Wahnsinn“ noch Überraschungen auf der Bühne?

Frayn: Oh ja, immer. Jeder Schauspieler findet etwas in einer Figur, was ich noch nicht gesehen habe.

Gibt es eine Figur aus Ihren Werken, die Ihnen besonders am Herzen liegt?

Frayn: Beim Schreiben gibt es einen Punkt, wo meine Figuren zum Leben zu erwachen scheinen. Das klingt kitschig, aber es hilft, wenn man es sich so vorstellt. Selbst wenn ich sorgfältig plane, sind die Figuren oft nicht mit allem einverstanden, was ich schreibe. Ich vergleiche das Schreiben gern mit der Einrichtung einer Fabrikanlage - da haben die Angestellten auch ihre eigenen Vorstellungen und müssen mühsam in den Arbeitsprozess eingebunden werden.

Gelingt es Ihnen denn in der Regel, Ihre Figuren vom Stückfortschritt zu überzeugen?

Frayn: Nun, wir machen Kompromisse.

„Der nackte Wahnsinn“ im Kasseler Schauspielhaus am 10., 20.6., Karten: 0561-1094-222.

Von Bettina Fraschke

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