Scheu wie ein Reh: Die tolle Band Junip im Kasseler Kulturzelt

Fischer

Kassel. Wenn José González einmal wiedergeboren werden sollte, könnte man ihn sich gut als Reh vorstellen. Der Sänger der schwedischen Band Junip würde dann so scheu in die Welt schauen wie das Reh, das am Freitag als Riesenposter über der Bühne im Kasseler Kulturzelt hing.

Das Tier-Porträt war das Auffälligste während des Auftritts des live zum Quintett angewachsenen Trios. González wirkt schüchtern und verzichtet auf Ansagen. Nur einmal erzählt der 36-Jährige, dass sie nachmittags in der Karlsaue Fußball gespielt und Bier getrunken hätten. Die Musik kommt ohne einprägsame Melodien aus, es gibt keine Soli, und nach 80 Minuten ist alles vorbei. Bei anderen Bands wäre das langweilig, bei Junip ist es ein Erlebnis.

Von vielen war der Auftritt als Höhepunkt der diesjährigen Kulturzelt-Saison gehandelt worden. Jahrelang hatten die Veranstalter versucht, González zu verpflichten, der Junip bereits 1998 in Göteborg gegründet hatte, dann aber erst einmal solo erfolgreich war – mit einer akustischen Cover-Version von The Knifes „Heartbeat“, das der Elektronik-Konzern Sony für einen Spot verwendete.

Auch die Songs seiner Band, deren Debütalbum erst zwölf Jahre nach der Gründung erschien, laufen in der Werbung oder in TV-Serien wie „Breaking Bad“, aber nicht im Formatradio. Wer Junip hört, gilt als stilsicherer Musikkenner, der Gonzáles am liebsten unter Artenschutz stellen würde.

Auf CD klingen die Lieder trotzdem ab und an wie etwas belanglose Easy-Listening-Fahrstuhlmusik. Live verwandeln Junip sie jedoch in rauhe Pop-Perlen fernab jeglicher Werbeästhetik. Meist beginnen sie als schrammelige Folk-Songs wie die tolle Single „Line of Fire“, in der Gonzáles‘ Akustikgitarre und sein blecherner Gesang im Mittelpunkt stehen. Mit Orgel und allerlei Rhythmusinstrumenten streift ihnen die Band dann einen 70er-Jahre-Psychedelic-Sound über, der gegen Ende oft zu hypnotischem Krautrock wird, dessen Sog man sich nicht entziehen kann.

Das Publikum ist auffallend leise, was nicht für Langeweile spricht. Die mehr als 700 Besucher wissen, dass gerade etwas Besonderes geschieht. Nur wenn die Hits erklingen, pfeift mancher laut vor Begeisterung. Allein mit einem Stück wie „Your Life, Your Call“ könnte man einen ganzen Abend füllen.

Nach 75 Minuten und zwei Zugaben geht bereits das Licht an. Normalerweise wäre jetzt Schluss, aber keiner geht. Alle applaudieren so lange, bis die Musiker noch einmal für einen weiteren Song auf die Bühne kommen. Und da schien es tatsächlich, als würde das Reh an der Wand für einen kurzen Moment lächeln.

Von Matthias Lohr

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