Am Kasseler Staatstheater

Schirin Khodadadian inszeniert Rebekka Kricheldorfs „Das blaue Licht/Dienen“

Wer ist Täter, wer Opfer? Rahel Weiss als Hexe. Und (kleines Bild) Soldat Aljoscha Langel (links) mit Artur Spannagel. Foto: Sturm

Kassel. Beim Blick in den Spiegel sieht man sich selbst. Doch was genau sieht man? Und was sehen andere in einem? Was ist wahr? Welche Macht hat man, das zu beeinflussen? Einen tiefen Blick in die Seele wirft Schirin Khodadadian mit ihrer Inszenierung von „Das blaue Licht/Dienen".

Das Stück von Rebekka Kricheldorf wurde am Freitag im Theater im Fridericianum in Kassel uraufgeführt.

Dabei wagt sie das Unterfangen, das Märchen der Brüder Grimm in die heutige Zeit zu transportieren. Und es gelingt: Zitat, Übersetzung und Original verbinden sich.

Wie durch ein Brennglas betrachtet das Publikum das Geschehen. Ist ganz dicht dran am Soldaten ohne Namen (abgründig gespielt von Aljoscha Langel). Sein Paradoxon: Weil er dem König treue Dienste geleistet hatte, wurde er verwundet und fallen gelassen. Er verirrt sich und wird von einer Hexe gefangen gehalten, als Sklave missbraucht. Bis ihm ein „blaues Licht“ in die Hände fällt, das ihn in Form eines schwarzen Männchens befreit - die Hexe wird aufgeknüpft und ausgeweidet, die Tochter des Königs kidnappt er. All das sieht man nicht, erfährt es aber. Khodadadian braucht keine Exzesse, sie nutzt die unbändige Kraft der Worte.

Ist es so einfach wie im Märchen? Ist nicht der Soldat aus Rache vom Opfer zum Killer geworden? Das Männchen (Artur Spannagel) nur Illusion - eine Blaupause des Bösen? Wozu sind Menschen fähig? Kircheldorf erzählt die Geschichte der Grimms weiter. In einem postfaktischen Zeitalter der alternativen Wahrheiten, in dem kaum etwas hinterfragt wird, ist die Inszenierung aktueller denn je.

Die beste Pointe: Das Spiel findet in einem verengten, nach vorne gerückten, verspiegelten Raum statt (Bühne: Ulrike Obermüller). In einer funkelnden Box, in der man so als Zuschauer stets Teil des Stücks ist - das Spiegelbild sieht einem direkt ins Auge. Die Box wandelt sich vom Hexenhaus, zum Wirtshaus, zum Hotelzimmer, zum Kerker. Optisch reduziert und von Szene zu Szene mehr und mehr vernebelt, gelingt es dennoch Klarheit zu erlangen.

So sparsam die Ausstattung, so opulent die Wortwahl und so kraftvoll das Spiel: Rahel Weiss als moderne Hexe (später in der Rolle des Entführungsopfers), die mit blonder Mähne und kurzem Rock an Pop-Trash à la Daniela Katzenberger erinnert, von Anal-Bleaching und Schamlippen-Korrekturen spricht. Jürgen Wink beeindruckt als koksender teuflischer Seelsorger.

Kricheldorf seziert das aufgeladene, übersexualisierte, sprachliche, popkulturelle Angebot von heute geradezu. Das alles bringt Khodadadian nicht nur dramatisch, sondern auch mit groteskem Humor und einigen Pop- und Rockmusik-Zitaten auf die Bühne. Manches hätte weniger plakativ sein dürfen: Ein Transparent auf dem „Soldaten sind Mörder“ steht. Die lange Aufzählung der Kriegsverbrechen werden - ähnlich, wie der Soldat letztlich mit einem Baseballschläger die Sprache der Gewalt wählt, „um die Menschen von ihrem falschen Selbstbild zu erlösen“ - hart in die Schädel der Zuschauer eingeprügelt. Damit auch ja dem Letzten der Kern der Geschichte deutlich wird: jeder trägt Verantwortung. Am Ende bleibt die Gewissheit, so schlimm es auch im Märchen oder auf der Theaterbühne zugeht, die Wirklichkeit ist noch schlimmer. Langer Applaus für eine intensive Aufführung.

Sieben weitere Vorstellungen, die nächste am 17.2. Karten: Tel. 0561 / 1094-222.

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