Monica Bonvicinis Werkschau: Die Italienerin befasst sich mit Architektur, Macht und Sexualität

Sei schlau, geh zum Bau

Sex auf dem Bau: Monica Bonvicinis große Plakatwand „These Days Only a Few Men Know What Work Really Means“ (2009)

Kassel. Was denkt Ihre Frau/Freundin von Ihren harten und trockenen Händen? Empfinden Sie die Baumaterialien, den Prozess des Bauens als erotisch? Warum sind Bauarbeiter fast nur Männer? Fragen, die Monica Bonvicini auf Baustellen in neun Ländern gestellt hat. 400 beantwortete Fragebögen sind in der am Wochenende eröffneten großen Einzelausstellung „Both Ends“ der Künstlerin in der Kunsthalle Fridericianum in Kassel zu sehen.

Ist Bauen männlich? Die Frage trifft Bonvicinis künstlerisches Interesse auf den Punkt. Sie untersucht - mal direkt und brachial, mal subversiv, ironisch und mit Versatzstücken der Popkultur - die geschlechtsspezifischen Bedeutungen des Raums, das Verhältnis von Architektur, Herrschaft und Sexualität. Gebäude sind bei ihr nicht neutral, sondern Ausdruck von Machtstreben, Manifeste männlicher Potenz. Auch Materialien und Werkzeuge aus Latex, Leder, Ketten, Spiegel, Stahl und Beton werden sexuell aufgeladen, werden Symbole für Fetische, Machotum.

Bonvicini fotografiert die Pin-up-Girls in Werkstätten, rammt eine Kettensäge in ein solches Foto, sie zeichnet nach Hurrikans zerstörte Häuser, und sie hängt Klettergurte, mit denen sich Fassaden- und Brückenbauarbeiter sichern, mit Latex überzogen an Ketten an einen Stahlring: Es sieht aus wie eine Art Sadomaso-Karussell, das aus dem Studio einer Domina ausgeliehen ist.

Sie lässt für ein Video eine Frau über Straßenbaustellen laufen, unterlegt von Lou-Reed- und Neil-Young-Sequenzen, und stellt die Bilder dem Video eines in einem Raum hin- und hergehenden Mannes gegenüber - eine Reminiszenz an Videos der Künstler Bruce Nauman und Valie Export.

Bonvicini befragt auch die Sprache auf den Kontext des Raums: „Built for crime“, gebaut für Verbrechen, diese riesige Leuchtschrift blinkt gleißend hell im Fridericianum wie ein greller Werbeschriftzug - womöglich ihr Kommentar zur Geschichte des ältesten Museumsgebäudes auf dem europäischen Festland.

Einen der Räume hat Bonvicini durch zwei Stahlträger abgeteilt, zwischen denen zerschlagenes Sicherheitsglas eingepasst ist. Verengte Durchgänge, Klaustrophobie, die Angst vor öffentlichen Plätzen: Bonvicini fragt auch - hier mit dem Bezug auf ein Freud-Zitat - wie unser psychisches Befinden vom umbauten Raum abhängt. Denn Wände können auch einengen, einschüchtern.

„Sei schlau, geh zum Bau“, steht auf einem von Bonvicinis Fragebögen („warum ergriffen Sie diesen Beruf?“). Sie fragte auch: Wen möchten Sie gern einmauern? Die Antworten sind wie Hammerschläge: Bauherrn. Architekten. Vorgesetzte. Bauleitung. Sicherheitsmann. Alle Politiker. Westerwelle. Die Grünen. Ostdeutschland. Meine Mutter. Alle.

Zur Ausstellung ist eine Monografie im Verlag der Buchhandlung Walther König erschienen (168 Seiten, 135 Abbildungen und eine zusätzliche Bildbeilage, 29,80 Euro).

Von Mark-Christian von Busse

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