Katharina Thoma inszenierte und Jörg Halubek dirigierte Händels Oratorium „Saul“ am Kasseler Opernhaus

Schlimme Royals aus der Bibel

Die Königsfamilie beim Konzert: (von links) Saul (Marc-Olivier Oetterli), seine Tochter Merab (Jaclyn Bermudez) und sein Sohn Jonathan (Musa Nkuna). Fotos: Klinger

Kassel. Dramatik und religiöse Erbauung lieferte Georg Friedrich Händel dem verwöhnten Londoner Publikum 1739 reichlich mit seinem Oratorium „Saul“, der tragischen Geschichte des ersten israelitischen Königs aus dem Alten Testament. Einen opulenten Opernabend mit starken Bildern eines Familien- und Staatsdramas machte das Inszenierungsteam mit Katharina Thoma (Regie), Sibylle Pfeiffer (Bühne) und Irina Bartels (Kostüme) am Staatstheater Kassel daraus.

Gerade ist Saul (Marc-Olivier Oetterli) die Königskrone aufgesetzt worden, da stiehlt ihm schon ein anderer die Schau. David (Yuriy Mynenko), ein junger Nobody, hat den Riesen Goliath besiegt. Sein abgeschlagener Kopf erinnert an die Tat. Das Volk jubelt, und der dankbare Saul will David seine Tochter Merab zur Frau geben.

Hier kippt die Geschichte ins Familiendrama, denn die stolze Merab (Jaclyn Bermudez) verachtet David und auch ihren Bruder Jonathan (Musa Nkuna), der Davids Freund sein will.

Regisseurin Thoma lässt auf elegante Weise verschiedene Handlungsebenen ineinanderfließen. Immer wieder greift der (von Marco Zeiser Celesti hervorragend eingestellte) Chor als Volk Israel, unterstützt vom Hohepriester (Johannes An), ins Geschehen ein. Mal religiös bestärkend mit einem Halleluja-Chor, mal mit einer gewaltigen Chorfuge gegen Sauls Neid auf David, und am Ende mit aufpeitschend kriegerischen Tönen bei der Krönung Davids zum neuen König.

Ins Zentrum - auch räumlich als weiße quadratische Bühnenfläche unter einem Lichtdach - stellt Katharina Thoma das familiäre Drama, das seinen Lauf nimmt, als Saul sich aus Missgunst vom Bewunderer Davids zu dessen rasendem Todfeind wandelt. Gezeigt wird, was eine konzertante Aufführung niemals entschlüsseln könnte: etwa welche Geschwisterrivalität Sauls Töchter treibt oder welchen homoerotischen Sehnsüchten Jonathans Annäherung an David entspringt.

In einer der eindrucksvollsten Szenen versuchen Sauls Kinder, den König zu Davids Harfenspiel (musikalisch wunderbar zart von zwei Theorben unterlegt) besänftigend zur Ruhe zu betten. Doch vergebens. Am Ende muss Saul sterben und David König werden.

Eine moderne Psychostudie kann Händels Oratorium dennoch nicht sein. In barockisierenden Szenen deutet Thoma immer wieder an, in welcher Zeit wir uns noch befinden. Etwa wenn die Königsfamilie zum Konzert erscheint. Händel liebte es, Orgelkonzerte in seine Oratorien einzustreuen. Hier lauscht die Gesellschaft - samt missmutigem Kritiker - dem Orgel spielenden Dirigenten Jörg Halubek.

Es sind vor allem in raschem Wechsel aufeinander folgende starke Affekte wie Zorn, Empörung oder auch Liebesschmerz, die Händels Oratorium prägen. Und die den Sängern Gelegenheit zum Brillieren geben. Wie David im Stück, so wird auch sein Darsteller, der spielerisch äußerst präsente und bis in höchste Höhen leuchtkräftige Countertenor Yuriy Mynenko, zum Star des Abends.

Strahlend und koloratursicher agiert Musa Nkuna als Jonathan, während sich Ani Yorentz als Michal mit ihrem farbgesättigten Sopran im Geschwisterstreit einen kleinen Vorteil gegenüber der agilen Jaclyn Bermudez als Merab ersingt. Marc-Olivier Oetterli zeigt als Saul starke Bühnenpräsenz - neigt aber zu etwas flacher Tongebung. Johannes An zeigt in seinen Rollen als Hohepriester und als Hexe gewohnt starke Tenorpräsenz.

Jörg Halubek, der schon die dritte Barockoper in Kassel leitet, animierte das Staatsorchester (nach kleinen Anfangswacklern) zu einem wunderbar akzentuierten und farblich variablen Spiel, mit dem man sich vor Barock-Ensembles keineswegs verstecken muss. Jubelnder Beifall und Bravos im ausverkauften Opernhaus.

Wieder am 21. und 26.12., Karten: Tel. 0561 / 1094-222.

Von Werner Fritsch

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