New York blickt auf ein Lebenswerk: Arnold-Bode-Preisträger Maurizio Cattelan will sich zurückziehen

Schluss mit dem Schabernack

Gigantisches Mobile: Die Werke Maurizio Cattelans hängen an kräftigen Seilen von der Decke des Guggenheim Museums, darunter auch die Miniaturausgabe des Künstlers im Beuys’schen Filzanzug am Garderobenständer (rechts außen). Fotos:  picture-alliance

Bei seiner ersten Ausstellung 1989 in Bologna hat Maurizio Cattelan ein Schild vor die verschlossenen Türen gehängt: Ritorno subito, komme gleich wieder. Sonst nichts. Jetzt, gut 20 Jahre später, will sich der Künstler der Szene vollends entziehen. Er möchte sich, 51 Jahre alt, zur Ruhe setzen.

Es sei wie in einer Band, sagt Cattelan, wenn man das Gefühl habe, dass man sich wiederholt. Ihm falle nichts mehr ein.

Wie reich an Witz und Weisheit sein Werk ist, zeigt seine Retrospektive „All“ im Guggenheim Museum New York, die am 22. Januar zu Ende geht. Eine solche Schau gehört zu den größten Würdigungen, die ein Künstler erlangen kann. Diese ist besonders spektakulär - eine solche museale Präsentation hat es nie gegeben.

128 Werke - tatsächlich „alles“, sein gesamtes Schaffen - hängen, wie ein Mobile, an Tauen von der Kuppel in der Rotunde des Frank-Lloyd-Wright-Gebäudes und bilden eine eigene Installation ohne jede Chronologie oder Hierarchie. Den Künstler erinnert sie an Salami-Würste in einer Metzgerei, die von der Decke baumeln. Die Besucher wandern auf der leer geräumten, spiralförmigen Rampe entlang der Skulpturen, Fotos, Konzeptkunst, lauter Kuriositäten, gewinnen immer neue Perspektiven.

„Es ist eine Metapher für die Unsicherheit unserer Zeit, der wir ausgesetzt sind“, begründet Kuratorin Nancy Spector die Hängung all der ausgestopften Tiere, der Prominenten als Wachsfiguren und der zahlreichen Selbstbilder. Darunter „La Rivoluzione siamo noi“, die Revolution sind wir, eine Mini-Ausgabe des 1960 in einfachen Verhältnissen in Padua geborenen Künstlers, die im Beuys’schen Filzanzug am Garderoben-Ständer im Marcel-Breuer-Design hängt. 2011 war sie unter den Leihgaben des Zürcher Migros Museums in der Kunsthalle Fridericianum in Kassel.

Bekannt geworden war Cattelan, der nie eine Akademie besucht hat, mit den Figuren eines von einem Meteoriten niedergestreckten Papst Johannes Paul II. und eines fromm knienden, geschrumpften Hitler. Auf einen schwarzen Marmor-Grabstein ließ er, wie ein Gefallenen-Denkmal, alle Niederlagen der englischen Fußball-Nationalmannschaft eingravieren. Vor der Mailänder Börse steht ein ausgestreckter Mittelfinger in Carrara-Marmor.

„So zynisch wie unser Alltag ist, können meine Arbeiten gar nicht sein“, sagte Cattelan 2005, als er in Kassel den Arnold-Bode-Preis bekam. Vielleicht sei das Publikum zu abgestumpft, das zu bemerken. „Für mich hilft Lachen auch, diese Wahrheit nicht zu akzeptieren.“

Cattelan ist ein wütender, sarkastischer, an sich selbst zweifelnder Komödiant. Scherz, Schrecken, Schock, Groteske und Grauen - dazwischen changiert seine oft mehrdeutige Kunst. Hinter seiner Provokation steckt Ernsthaftigkeit, seinem Schabernack wohnt auch etwas Melancholisches inne. Das Komische kippt durchaus ins Deprimierende.

Falls sich der Italiener tatsächlich zurückzieht und keine Kunst mehr produziert, wird die Kunstwelt ärmer sein. Sein eigenes Kunstmagazin - ohne Texte - will er aber weiter herausgeben. Der Titel: „Toilet Paper“.

Von Mark-Christian von Busse

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