Mehr als Hühner: Die Caricatura widmet dem Cartoonisten Peter Gaymann eine Schau

So schmeckt Terrakotta

Wehe, wenn es ernst wird: Menschliche Beziehungen bieten unerschöpflichen Stoff. Fotos: Caricatura/nh 

Kassel. Dass Peter Gaymann längst ein Klassiker ist, beweist das Reclamheft „Von Hühnern und Menschen“, das dem 59-Jährigen gewidmet ist - in der Reihe der gelben Bändchen, die Schüler sonst von Schiller- oder Goethe-Dramen kennen. Seit 1990 erscheint seine Serie „PaarProbleme“ in der Zeitschrift „Brigitte“. Ein Gaymann-Huhn ist vermutlich jedem über den Weg gegackert.

Dass Gaymann, der seine Zeichnungen als „Gay“, „p.gay“ oder „Peter Gay“ signiert, ein weit vielfältigerer Künstler ist, zeigt die Caricatura in ihrer aktuellen Ausstellung. „Der ganze Gaymann“ - so der Titel - soll es sein.

Da gibt es also Übermalungen - Vermeers Mädchen mit dem Perlenohrring trägt ein Pflaster auf der Nase - und Objekte wie einen Ball, der zum Fisch mutiert ist, oder einen verbogenen, blutrot befleckten „verletzten Tennisschläger“, der mit einem Verband umwickelt ist. Schöne Aquarelle aus Italien: Espressokanne, Vespa, Boot im Mondschein, Müllauto. Ein Skizzenbuch, abfotografiert und auf Bildschirmen zu sehen, ermöglicht den Einblick in den Gaymann’schen Schaffensprozess. Das unerschöpfliche Thema der Beziehung von Mann und Frau beschäftigt ihn immer wieder: „Ich habe über dich nachgedacht und dabei ist mir klar geworden, dass ich ein Mann bin und du eine Frau.“

Und Mann und Frau haben nun mal unterschiedliche Bedürfnisse - gerade in Sachen Mode und Shopping: „Was soll ich in den Navi eingeben?“ „Outlet.“ Sowie unterschiedliche Fähigkeiten: „Das Wasser kocht“, ruft er, „was mach’ ich jetzt?“ Sie: „Teebeutel rein!“. Manches gerät Gaymann jedoch zu kalauerhaft, zu altbacken, zu voraussehbar.

Sehr treffend hat er beobachtet, wie ein alternatives Milieu - „Toskana-Fraktion“, hätte man bis vor ein paar Jahren gesagt - sich um Stil, Distinktion und feine Lebensart bemüht, wie dieses Ringen um kulturelles Kapital aber gnadenlos nach hinten losgehen kann: „Ich liebe ja Terrakotta über alles.“ „Und wie schmeckt das?“

Angeber, die ihr Kind „Kaschmir“ nennen, die zwischen Boule und Bärlauch jeden Trend so hundertprozentig mitmachen, dass sie auf dem Wochenmarkt auch eine „fettarme Orange“ verlangen. Man freut sich also daran, wie Gaymann Vorurteile deutscher Italienliebhaber vorführt und die Wichtigtuerei mancher Weinliebhaber und Vernissagen-Besucher entlarvt.

Die Hühner dürfen nicht fehlen, aber man trifft sie auch in unerwarteten Momenten, oder besser: Stellungen. Denn zum ersten Mal veröffentlicht Gaymann Collagen, in denen es die Hühner munter miteinander treiben.

Bis 26.12., geöffnet Do/Fr 14-20, Sa/So/feiertags 12-20 Uhr. Führungen So 15 Uhr und n. V. Kontakt: Tel. 0561/776499. www.caricatura.de

Von Mark-Christian von Busse

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