Schnoddrig, aber ambitioniert: Judith Holofernes und Band im Kasseler Kulturzelt

„Ich bin das Chaos“: Sängerin Judith Holofernes präsentierte in Kassel ein anspruchsvolles Programm. Foto: Fischer

Kassel. „Einst ging die schöne und gottesfürchtige Witwe Judit unbewaffnet in das Heerlager des assyrischen Generals Holofernes, enthauptete ihn mit seinem eigenen Schwert und rettete das Volk Israel.“ Diese etwas brutal anmutende Erzählung aus dem Alten Testament diente der Sängerin, Komponistin und Texterin Judith Holofernes als Inspiration für ihren Künstlernamen. Und bei der ambitionierten Weigerung, sich der Blabla-Songrealität aktueller Prägung anzupassen, beweist sie Kämpferqualitäten, die man ihr so erst mal nicht ansieht.

Ein wenig schüchtern wirkte die vierzigjährige Berlinerin in ihrem quietschbunten Outfit bei ihrem Konzert im gut besuchten Kasseler Kulturzelt. Optisch fast so schrill wie eine Nina Hagen, jedoch weitaus introvertierter und weit entfernt von einer missionarischen Mitteilungssehnsucht.

Musikalisch trifft bei Holofernes das Berlin der Achtziger auf Trashbeats, Elektropartikel und Pianoidylle. Es sind sperrige Arrangements, die sich den gängigen Zuckerwatten-Formaten im Radio nicht gerade aufdrängen. Mit „Danke, ich hab schon“ und „Ich bin das Chaos“ präsentierte sie die kommerziellsten Annäherungsversuche an die Charts am Anfang und fast am Ende ihres Auftritts. Ansonsten mehr Dada als Dachgepäckträger, und immer mit einem Spritzer Melancholie serviert.

In „Die Leiden der jungen Lisa“ oder „Der Krieg ist vorbei“ begegnen sich so grandiose Textzeilen wie „Du leidest so schön, ohne Augenrollen, ohne Gestöhn“ und „Ich weiß wie man anfängt, aber nicht wie man aufhört“. Sie transportiert ihre Geschichten mit diesem typischen Mirdochegal-Timbre, dessen Schnoddrigkeit sich sowohl für rockig-punkige als auch für balladeske Songs eignet.

Bei ihrer Band gilt die Devise: Mädels nach vorn, Jungs in die zweite Reihe. So sind die Positionen der sechs Akteure auf der Bühne klar definiert, und man vermittelt damit den Eindruck, dass es hier auch um ein Stück Emanzipation ihm Musikbusiness geht. Holofernes’ Programm ist intimer, weniger auf Party gebürstet und textlich anspruchsvoller als die alten Hits ihrer Band „Wir sind Helden“, die sich ja bekanntlich im Pausen-Modus befindet.

Allerdings vermisst man schon ein wenig die Durchschlagskraft und die Power, mit der damals das Quartett um den Gitarristen Jean-Michel Tourette die Bühnen gerockt hat. Doch für einen interessanten Farbtupfer am deutschsprachigen Pophimmel ist Holofernes Soloprojekt allemal gut genug. Großer Applaus am vorletzten Abend der Kasseler Kulturzeltsaison.

Von Andreas Köthe

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