So schön ist der Himmel: Jubiläumskonzert des Kasseler Bachchores

Eindrucksvolles Festkonzert: Der Kasseler Bachchor und das Barockorchester La Visione mit Leiter Norbert Ternes. Foto: Schachtschneider

Kassel. „Das irdische Leben ist ein enger Platz voller Steine.“ Das ist noch eine der harmloseren Aussagen über die Welt und das irdische Dasein, die zwei junge Männer, die als Umsicht und als Einsicht auftreten, verkünden. Mit seltener Eloquenz und Virtuosität reden sie die Welt schlecht.

Diese beiden Männer, verkörpert von Thomas Hof und Lukas Umlauft vom Staatstheater, bereiteten am Sonntag in der Martinskirche mit ihrer Prolog-Suada den Boden für ein außergewöhnliches Werk, das der Kasseler Bachchor im Jubiläumskonzert zu seinem 40-jährigen Bestehen aufführte: „Rappresentatione di Anima, et di Corpo“ (Spiel von Seele und Köper), eine Art geistlicher Oper von Emilio de’ Cavalieri, die im Jahr 1600 vor geistlichem Publikum in Rom uraufgeführt wurde.

Natürlich ist klar, in welche Richtung die Handlung geht: Die Seele und der Körper werden den bösen Lüsten dieser falschen Welt entsagen, um im Himmel die ewige Seligkeit zu erlangen. Wie sich das aber in dem 80-minütigen Werk vollzieht, ist musikalisch wie textlich höchst spannend und teils sogar lustig. Ein tolle Ausgrabung, mit der der Bachchor und sein Leiter Norbert Ternes Kasseler Aufführungsgeschichte geschrieben haben – und vom Publikum mit Jubel und Standing Ovations belohnt wurden.

Im Zentrum stehen die allegorischen Figuren Seele (Tabea Graser) und Körper (Florian Küppers), die zunächst von Figuren wie Die Lust, Die Welt und Das mondäne Leben in Versuchung geführt werden.

Das lebendige, meist rezitativische Singen im (damals ultramodernen) Stil des Frühbarock wechselt mit rhythmisch wie harmonisch vielgestaltigen räsonierenden Chorstücken ab. Figuren wie Der Verstand und Der gute Rat, später auch ein Schutzengel helfen Seele und Körper, die Orientierung auf das Jenseits zu behalten. Weil das pralle Leben aber dennoch lockt, wird am Ende das himmlische ewige Leben plastisch den Schrecken der Verdammnis gegenübergestellt.

Mit großer Intensität und feiner sängerisch-deklamatorischer Kunst präsentierten der Bachchor und die zahlreichen Solisten dieses geistliche Spiel unter der dezenten, aber wirkungsvollen Leitung von Norbert Ternes. Theatralische Auftritte und Abgänge unterstützten die gesungene Handlung.

Das sensibel agierende Barockorchester La Visione war mehr als nur Begleitung und setzte besonders mit schönen Echowirkungen von Bläsern und Streichern feine Akzente.

Solisten: Tabea Graser, Rebekka Stolz, Jimin Hwang, Martina Hümmer, Jonas Boy, Florian Küppers, Jochen Faulhammer, Benjamin Hühne. Sprecher: Thomas Hof, Lukas Umlauft

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