Ein Besuch im Labor menschlicher Gefühle: Georg Friedrich Händels Oper „Orlando“ in Kassel

So schön klingt Wahnsinn

Ein Held wird gemacht: Orlando (Inna Kalinina, Mitte) wird mit Soldatenkleidern versehen. Foto: Ketz

Kassel. Was ist hier überhaupt echt? Frauen werden zu rasenden Helden und afrikanischen Liebhabern, der französische Wald sinkt aus dem Himmel herab. Ist er verkohlt, oder sind es dicke schwarze Schlingpflanzen? Was ist das für eine Schäferin, die im grünen Blümchenkleid und mit Hornbrille zwar pastoral leiden kann, viel lieber aber ihre Arien als lustige Parodie auf das barocke Gestenrepertoire präsentiert?

Was ist echt an Angelica, der chinesischen Königin, die im hochgeschlitzten Hochzeitskleid ihre Wirkung auf Männer erprobt? Und schließlich: Was ist das für ein Magier Zoroastro, der sich aus einem riesigen blitzenden Ei eine Gesellschaft erschafft, die er dann aber kaum mehr bändigen kann?

Regisseur Volker Schmalöer hat Georg Friedrich Händels 1733 uraufgeführte Oper „Orlando“ in Kassel als menschliche Versuchsanordnung angelegt. Ausgang zunächst offen. Eine überzeugende Idee, denn der auf Ariost zurückgehende Stoff des Orlando furioso, des rasenden Rolands, trägt schon bei Händel Züge eines Experiments: Mal sehen, was passiert, wenn einer außer sich gerät.

Dass der von Angelica zurückgewiesene Orlando sich in den Wahnsinn steigert, dass bei allen die Gefühle einfach zu groß sind, macht den Reiz des Spiels aus. Pikant ist es zusätzlich, weil Händel die Rollen des Orlando und des Medoro für Kastraten schrieb. Die Verunklarung der Geschlechterrollen mag schon das barocke Publikum amüsiert haben.

Ein Bühnenraum, dessen weiße Wände sich lamellenförmig öffnen und schnelle Verwandlungen zulassen, ein paar barocke Möbelstücke und ein wuchernder Wald der Verstrickungen - damit kommt Etienne Pluss’ Bühne aus. Ein Übriges tun Sabine Böings Kostüme, die vieles andeuten, aber kaum etwas festlegen. Der Rest ist Aufforderung an die Akteure: Macht was draus!

Und da lässt sich das Kasseler Ensemble nicht lange bitten (siehe Extra-Artikel). Damit das Spiel allerdings gelingt, muss eine inspirierende instrumentale Basis gelegt werden. Der Erste Kapellmeister Marco Comin und das Staatsorchester bieten eine detailreiche, profilierte und in den barocken musikalischen Charakteristika (wie Pastorale oder Lamento) sehr überzeugende Vorstellung.

Mit dem modernen Instrumentarium, ergänzt durch eine Theorbe, kommt man der sogenannten historisch informierten Spielweise recht nahe, auch wenn man Händels Musik gelegentlich noch etwas mehr bassgetriebenes Furioso wünschte. Vorteilhaft für die Klangentfaltung ist der zur Hälfte hochgefahrene Orchestergraben: So präsent klang hier barocke Oper lange nicht.

Musikalisch so zuverlässig geerdet, kann sich Schmalöers Inszenierung zu allerlei (alb)traumartigen Fantasiebildern aufschwingen und eine weitere Bedeutungsebene einbauen: Wenn Geweihträger und rot leuchtende Augen durchs Gehölz huschen, wenn Angelica und ihr Geliebter Medoro wie das Paar im Wetterhäuschen mit Schirm auftreten, wenn Orlando in Zeitlupe wie in „Psycho“ auf Angelica einsticht.

Am Ende des Menschenversuches war alles nicht so gemeint. Orlando, rasend vor Eifersucht? Lächerlich - zurück auf Anfang. Die Schäferin Dorinda, desillusioniert und von der Liebe geheilt? Ist doch total lustig! Bleibt die Frage: War das nicht zu viel des Augenzwinkerns? Es ist das Kunststück dieser Inszenierung, dass ihre Leichtigkeit das Gefühlsdrama zwar maskiert - aber nicht verrät. Heftiger Beifall.

Nächste Vorstellungen: 25. Dezember, 7., 9. und 15. Januar. Karten: Tel. 0561/1094-222.

Ein Video zu „Orlando“ steht unter www.hna.de/video

Von Werner Fritsch

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