Schöner scheitern mit Bernd Begemann im Schlachthof

In einer gerechten Welt gäbe es eine Begemania: Bernd Begemann im Schlachthof. Foto: Fischer

Kassel. Niemand scheitert schöner: Bernd Begemann glänzte im Kasseler Kulturzentrum Schlachthof als „Peter Ustinov des Indierock". Die Erkenntnisse eines außergewöhnlichen Konzerts.

Bernd Begemann ist in seiner Karriere schon vieles gewesen. Bei seinem ausverkauften Konzert im Kasseler Schlachthof gab der Hamburger Liedermacher einen Überblick. Der 53-Jährige war „die Stimme seiner Generation” und die „Ikone der Schwulenbewegung“ – allerdings nur, bis er begann, „wie mein Vater auszusehen“.

Aus dem Scheitern hat der gebürtige Ostwestfale eine ironische Kunst gemacht. Der Musiker nennt sich jetzt der „Peter Ustinov des Indierock“. Sein neues Album mit seiner Band Die Befreiung heißt „Eine kurze Liste mit Forderungen“ und besteht aus 28 (!) Liedern. So viel Platz haben wir hier nicht. Darum eine ganz kurze Liste mit Erkenntnissen eines außergewöhnlichen Abends.

1. Begemann ist seine eigene Band: Im Kulturzentrum der Nordstadt tritt er ohne die Befreiung solo auf. Begemann braucht nicht viel außer seiner Gitarre, die wie er kein Zweiter zum Singen bringt. Das klingt mal nach Soul, mal nach Blues und mal nach geschrammeltem Hamburger-Schule-Indiepop. „Verhaftet wegen sexy“, das er mit Olli Schulz geschrieben hat, singt er sogar nur zum Tamburin.

2. Die Unterbrechung ist das Ereignis: Begemann ist ein guter Musiker, aber ein noch besserer Entertainer. Darum ist das, was zwischen den Songs passiert, genauso wichtig. Kochkurs-Paare nennt er „kulturlose Deppen, die lieber sechs Stunden kochen, statt was Interessantes im Fernsehen zu gucken“. Und vor der Pause verneigt er sich vor den Rauchern: „Wir Nichtraucher bewundern euch, weil ihr so viel riskiert für so wenig.“

3. Von Begemann lernen heißt siegen lernen: Immer wieder erklärt er, wie man Bernd Begemann wird. Regel eins lautet: „Niemals Deo, das ist für Loser.“ Dann schmiert er sich mit seinem Achselschweiß ein.

Nebenbei überrascht er mit einer Studie der Weltgesundheitsbehörde, die herausgefunden habe, dass Einzelkinder wie Begemann größere soziale Fähigkeiten hätten: Denn anders als Geschwisterkinder „bekamen wir das Sozialleben früher nicht hinterhergeschmissen“.

4. Begemann-Fans sollten sich das nächste Helene-Fischer-Album kaufen: Seinen neuen Song „Deine schwulen Freunde“, bei dem er die 80 Besucher im Chor mitsingen lässt, habe er als Stadionnummer bei der Schlagerkönigin eingereicht, damit sie ihn groß rausbringt, verrät er.

Auch das ist natürlich nur ein Spaß. Aber wäre die Welt gerecht, gäbe es statt einer Fischermania in Deutschland eine Begemania.

5. Alles hat ein Ende, nur ein Begemann-Konzert hat keins: Als er nach mehr als drei Stunden gegen halb eins neue Lieder ansagt, gehen mehrere Zuschauer. „Das passiert immer, wenn ich realistischere Lieder spiele“, sagt Begemann, der selbst im Saal-leer-Spielen ein Meister ist. Realistisch gesehen sollte trotzdem jeder Mensch einmal im Leben ein Begemann-Konzert besucht haben.

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