Hesketh-Uraufführung des Göttinger Symphonie-Orchesters

Schönheit der Düsternis

Als Komponist zu Gast in Göttingen: Kenneth Hesketh. Foto: privat/nh

Göttingen. Der Chefdirigent des Göttinger Symphonie-Orchesters (GSO), Christoph-Mathias Müller, warf den „Höranker“ aus. So nennt er es, wenn wichtige Passagen eines Stücks vorab angespielt werden, um dem Publikum bei der Aufführung die Orientierung zu erleichtern. Vor der Uraufführung von Kenneth Heskeths Stück „Inscription-Transformation“ für Violine und Orchester waren dies Passagen, die Müller jeweils als „Aufbäumen“ bezeichnete. Und so, als ein vielfaches Aufbäumen gegen Resignation und Auflösung, konnte man Heskeths Auftragswerk für Göttingen durchaus hören.

Das klingt nun nicht wie die Beschreibung eines attraktiven Stückes. Doch die gut 13-minütige Komposition beeindruckt auf vielfältige Weise. Durch ihre Dichte, ihre überaus komplexe und sprechende Instrumentierung sowie das spannende Verhältnis von Soloinstrument und Orchester.

Die US-amerikanische Geigerin Janet Sung spielte mit viel Intensität, aber ohne solistisches Pathos. Die Solovioline erscheint zunächst auch mehr als eine herausgehobene Stimme im Orchester denn als ein Gegenpart. Ganz am Ende, nachdem Fortissimo-Ausbrüche und bizarre Col-legno-Schattenwelten (mit dem Bogenholz gespielt) der Streicher durchschritten sind, hält die Solovioline beim Verklingen des Stücks sanft insistierend einen hohen Ton – es könnte ein Hoffnungsschimmer sein.

Kenneth Heskeths Instrumentierungskunst war bereits zuvor bei seiner Bearbeitung von sechs Klavierstücken seines Kompositionslehrers Henri Dutilleux offenbar geworden. Die knappen Sätze mit dem Titel „Au gré des ondes“ (Den Wellen preisgegeben) gewannen durch das reizvolle Farbenspiel an Gewicht. Im fünften Satz, „Hommage à Bach“, spiegelt Hesketh mit dem Einsatz von Oboe und Flöte ein barockes Klangbild vor, das sich dann doch farblich erweitert.

Die Dutilleux-Bearbeitung Heskeths als Auftakt dieses mit „Reverenz“ überschriebenen Konzerts war kein Zufall: War es doch ein Seminar Dutilleux’ 1995 in Tanglewood, das die Freundschaft des britischen Komponisten mit dem Göttinger Orchesterchef begründete.

Ein echtes Solistenkonzert bekam das Publikum in der gut gefüllten Göttinger Stadthalle aber auch geboten: Joseph Haydns Konzert für Violine und Streicher Nr. 1 C-Dur. Doppelgriffe, knifflige Laufpassagen, ein fein von Pizzicati begleitetes Adagio hat Haydn seinem Konzertmeister Luigi Tomasini auf den Leib geschrieben. Janet Sung spielte mit großem Ton und sicherer Technik, die Orchesterbegleitung hätte etwas federnder sein können.

Und noch eine Reverenz zum Schluss: Jean Françaix’ Symphonie G-Dur, zu Ehren Joseph Haydns komponiert. An hintergründigem Humor steht diese Sinfonie ihrem Vorbild Haydn nicht nach, die Müller und das GSO mit viel Spielfreude zu Gehör brachten. Dafür gab es langen Beifall.

Von Werner Fritsch

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