Das litauische Ensemble Nico setzte einen grandiosen Schlusspunkt unter das Minimal-Music-Festival

Schönheit und Intensität

So spielt Nico: (von links) Arnas Kmieliauskas, Julija Ivanovaite, Dalia Simaskaite und Ensembleleiter Gediminas Gelgotas. Foto: Malmusa

Kassel. Das Nico (New Ideas Chamber Orchestra) verfolgt musikalisch ein ähnliches Konzept wie Apple in der Computerwelt: Das Design, hier das Styling der Musiker, ist super-edel, die Programme sprechen die Emotionen an, und die Benutzerführung, also der Umgang mit dem Publikum, ist intuitiv und suggestiv zugleich.

Mit anderen Worten: Die sechs Streicher aus Litauen mit ihrem Dirigenten, dem Komponisten Gediminas Gelgotas (25), eroberten die 100 Zuhörer am Sonntag beim Abschlusskonzert des Internationalen Minimal-Music-Festivals im Gießhaus im Sturm.

Noch etwas verhalten war das Echo auf die beiden Eingangsstücke von Gelgotas, die im Wechsel von Soli (Viola, Violine) und Ensemble schöne Klangeffekte vorzugsweise in weiter Lage erzeugten.

Erster Höhepunkt war nach Peter Michael Hamels Trio-Bearbeitung Arvo Pärts berühmte Komposition „Fratres“. Toll, wie die Nico-Streicher dieses Stück, eigentlich ein Inbegriff meditativ-ruhiger Musik mit Spannung versahen. Dafür sorgten schon die zwei Celli, die ihre kraftvolle Bass-Grundierung wie einen Motor einsetzten, um den hohen Streichern (unter weit gehender Auslassung der Mittellage) Energie zu liefern, das Ganze hart gegliedert durch Kastagnettenschläge des Dirigenten.

„Unrobotizable“ hieß das originellste Stück des Abends, eine Komposition Gelgotas’, die mit harten, geräuschvollen Tonabbrüchen, synthetisch-linearen Motiven und zunehmenden Störgeräuschen eine faszinierende und gleichzeitig beklemmende akustische Roboterwelt entstehen ließ.

Dagegen wirkte das pathetisch inszenierte stumme Spiel von John Cages „4’33’’“ als Freeze-Bild etwas banal. Doch Pathos gehört zum Stil dieses Ensembles, dessen Mitglieder, vier Frauen und zwei Männer, ganz auf den charismatischen Leiter Gelgotas ausgerichtet sind und ihr auswendig vorgetragenes Spiel so mit Intensität und Begeisterung aufladen.

Nur so einem Ensemble konnte dann auch eine derart grandiose Interpretation des legendären Minimal-Stückes „In C“ von Terry Riley gelingen. Zum fast 40 Minuten lang repetierten Klavierton brachten die Streicher ein Wunder klanglicher Raffinesse, Spielfreude und auch innerer Gelassenheit mit ein. Riesiger Jubel.

Von Werner Fritsch

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