Schüler des Friedrichsgymnasiums präsentierten ein satirisches Musiktheaterstück im Dock 4

Der schönste Tag im Leben

Gefangen in Etikette: (von links) Johanna Götte (Freundin der Braut), Wiebke Schreiber (Bräutigam), Hanna Stein (Braut). Foto: Malmus

Kassel. In gedämpftem Licht huschen die Facetten eines prunkvollen Hochzeitstages über die Leinwand: Prinz William und seine Kate beim flüchtigen Kuss, posierende Gäste, Torten in Herzform. Dazu erklingt live gesungen von Johanna Götte mit Philip Käse am Saxofon die Buena-Vista-Romanze „Dos Gardenias“. Der schöne Schein, der perfekte Augenblick. Doch dann beginnt die Fassade zu bröckeln. Das letzte Bild zeigt zwei umschlungene Skelette in der Erde – eine makabre Parodie auf den Schwur der ewigen Treue.

„Bis dass der Tod uns scheidet“, ein Musical frei nach Brechts „Kleinbürgerhochzeit“, führten Theater-AG und Band des Friedrichsgymnasiums am Dienstag im ausverkauften Dock 4 auf: Ganz im Stile des Meisters eine gelungene Milieusatire um eine piefige Hochzeitsgesellschaft zwischen Etikette und unterschwelliger Aggression. Maskenhaft überschminkt im Sinne des Brecht’schen Verfremdungseffektes waren die sieben Schauspieler. Die Damen mit knallrotem Lippenstift, die Herren mit schwarzem.

Im Charme des Stegreiftheaters und mit viel pantomimischer Leidenschaft versinnbildlichten sie den Gruppenzwang und die gähnende Langeweile des Augenblicks. Wie die Hühner auf der Stange saßen sie nebeneinander mit steifem Dauerlächeln im Gesicht, warfen sich Floskeln zu, trommelten mit den Fingern und erstarrten reihum in Kollektiv-ekel vor einer unsichtbaren Spinne. Man solle doch tanzen, um das Eis zu brechen!

Sogleich erhoben sich die Paare und tänzelten mit gleichgültigen Blicken umher, während die Band stilecht Ibrahim Ferrers nostalgisches „De camino a la vereda“ spielte. Je später die Stunde und höher der Alkoholpegel, der durch synchrones Glucksen angedeutet wurde, desto bissiger und schummriger wurde die Stimmung.

Am Ende stand ein Aufschrei der Empörung über die Enthüllung, die Braut sei schwanger. Man verließ die Hochzeit verächtlich. Einsam blieb das Paar zurück, und sein Liebesschwur verhallte unter gehässigem Gelächter.

Das Publikum spendete schallenden Applaus.

Von Carolina Rehrmann

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