Schöpfer der Stalingradmadonna ist Schau in Christuskirche gewidmet

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Gab damals Trost: Kurt Reubers „Stalingradmadonna“ hängt in einer Kopie in der Ausstellung im Pavillon der Christuskirche.

Kassel. Die Stalingradmadonna wurde zum Inbegriff für die Schrecken des Krieges - aber auch für ein Gefühl der Geborgenheit inmitten von Bedrohung und für Versöhnung nach den Leiden des Krieges.

An Weihnachten 1942 zeichnete sie der 1906 in Kassel geborene Pfarrer und Arzt Kurt Reuber in Stalingrad für die eingekesselten Soldaten mit Holzkohle auf die Rückseite einer russischen Landkarte. Im Pavillon der Christuskirche ist zurzeit eine Kopie der anrührenden Madonnendarstellung zu sehen, deren Original in der Berliner Gedächtniskirche aufbewahrt wird. Ausgestellt sind auch Gemälde Reubers, etwa aus seiner Zeit als Vikar in Loshausen in der Schwalm, und Zeichnungen aus Russland.

Für den 82-jährigen Erich Wiegand, der in Kassel-Harleshausen aufwuchs, in Schrecksbach und Spangenberg als Pfarrer wirkte und im Ruhestand in Kirchhain lebt, war die Stalingradmadonna ein Schlüsselerlebnis seiner Jugend. Sie bedeutete dem Konfirmanden, der zwei Brüder im Krieg verloren hatte, einen „Moment des Trostes“, ein „Aha-Erlebnis“: „So kann man also auch mit Trauer umgehen.“

Als Wiegand in seiner ersten Pfarrstelle in Berneburg über die Madonna predigte, begegnete er Menschen, die ihn gekannt hatten (Reubers erste Pfarrstelle war im nahen Wichmannshausen), die „herrliche Geschichten“ über den vielseitig begabten Theologen und Mediziner erzählten, der noch lieber Kunst studiert hätte.

Wiegand ging auf Spurensuche, wertete Quellen aus, traf Zeitzeugen. Nach 20-jähriger Recherche schrieb er eine Biografie Reubers, der am 20. Januar 1944 im Offiziers-Gefangenenlager Jelabuga gestorben war. Was Wiegand an Reuber faszinierte - „seine Hinwendung zum Menschen“ - drücken gerade die Zeichnungen aus, die er als Truppenarzt anfertigte. Entgegen der Nazi-Propaganda, die die Russen als „Untermenschen“ ansah, suchte Reuber deren Nähe. Er wollte und konnte, wie Zitate aus seinen Briefen in der Ausstellung zeigen, die Augen nicht verschließen, dem „Elendsbild auf Elendsbild“ nicht ausweichen.

Reuber sah auch in Russland den einzelnen Menschen in seiner je eigenen Würde. Diese Perspektive empfand er auch als Verpflichtung: „Die erste Voraussetzung einer wahren Befriedung der Welt liegt im Abstellen des Friedenswidrigen im allerpersönlichsten Leben“, schrieb er im Brief zur Stalingradmadonna.

Von Mark-Christian von Busse

Bis 4.9., Gemeindepavillon der Christuskirche, Landgraf-Karl-Str. 70. Di 10-12, Fr 15-18, So 11-13 Uhr. Erich Wiegand: Kurt Reuber. Ev. Medienverband, 190 S., 14 Euro.

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