Der US-Sänger William Fitzsimmons heilt auf sanfte Weise

Schrecklich schön

Psychotherapeut und Bartträger: William Fitzsimmons’ Album erscheint bei Herbert Grönemeyers Plattenfirma. Foto: Verstärker

Als der Psychotherapeut und Musiker William Fitzsimmons vor drei Jahren sein Album „The Sparrow And The Crow“ veröffentlichte, hätte man sich bei ihm nur ungern auf die Couch gelegt. „Ich wollte, dass jeder, der das Album hört, sich wie ein Stück Scheiße fühlt“, sagte der Singer/Songwriter aus dem US-Bundesstaat Illinois, der sich gerade nach zehn Jahren Ehe von seiner Frau hatte scheiden lassen und das in 13 todtraurigen Folksongs verarbeitete.

„Ich liebe dich immer noch“, wiederholte Fitzsimmons immer wieder. Das war sehr schmerzhaft - aber auch sehr schön. Wie ein Stück Scheiße haben sich seine Zuhörer also nicht gefühlt. Vielleicht ist dies das Geheimnis des schratartigen Heilers mit dem langen Bart: Manchmal muss man sich seinen Problemen stellen, damit es einem besser geht.

Auch auf seinem vierten Album „Gold In The Shadow“ mischt der Multiinstrumentalist akustischen Folk auf zauberhafte Weise mit elektronischen Beats und singt dazu mit gehauchter Stimme über Fehler und Dämonen. Die Themen zu den zwölf Liedern hat er dem Handbuch psychischer Störungen entnommen, einer Liste aller Geisteskrankheiten.

In „Beautiful Girl“ erzählt Fitzsimmons von einem Mädchen, das unter Anorexie leidet. Der hagere Musiker hatte einst ebenfalls mit Essstörungen zu kämpfen und auch sonst kein einfaches Leben. Er wuchs als Kind blinder Eltern in Pittsburgh auf. Auf die Frage, wie es zu Hause war, sagte er in einem Interview: „Dunkel.“

Dafür gab es umso mehr Musik. Sein Vater baute in Handarbeit eine Orgel, abends sang die Familie gemeinsam, und der kleine William lernte unzählige Instrumente: vom Klavier über die Posaune bis zur Ukulele. „Musik war unsere Sprache“, sagt er heute über die Zeit mit seinen Eltern, deren Scheidung er ebenfalls in seinen Songs verarbeitet hat.

Nach einer Ausbildung zum Psychotherapeuten arbeitete er mit geistig schwer geschädigten Menschen. Seitdem seine Lieder in US-Erfolgsserien wie „Grey’s Anatomy“ liefen, ist er in seiner Heimat einer der populärsten Meister der Traurigkeit.

Dabei versteht er sich auch auf heitere Melodien, wie „The Winter From Her Leaving“ beweist. Auch in Sachen Bartlänge können ihm andere erfolgreiche Singer/Songwriter wie Sam Beam alias Iron & Wine nicht das Wasser zum Rasieren reichen: Fitzsimmons Gesichtsbehaarung ist so eindrucksvoll, dass seine Flüge wegen vermeintlicher Terrorgefahr angeblich meist erst mit Verspätung starten.

William Fitzsimmons: Gold In The Shadow (Grönland/Rough Trade). Wertung: !!!!:

William Fitzsimmons tritt am 9. Juli im Kasseler Kulturzelt auf. Tickets beim HNA-Kartenservice, 0561/203-204.

Von Matthias Lohr

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