Schrecklich schön: Das angeblich erste Bild im Internet

Silvano de Gennaro

Die Geschichte von Silvano de Gennaro klingt zu schön: Vor 20 Jahren saß der Mitarbeiter des Schweizer Forschungsinstituts Cern in seinem Büro, als der Informatiker Tim Berners-Lee hereinkam und ein Foto suchte, das er in das wenige Jahre zuvor von ihm erfundene Internet hochladen könnte.

Auf dem Schreibtisch lag ein Bild der Band Les Horribles Cernettes.

De Gennaro hatte die Gruppe aus Cern-Mitarbeiterinnen am Vorabend fotografiert. Auf dem Mac-Rechner wandelten die beiden das Foto in ein gif-Format um, anschließend luden sie es ins World Wide Web hoch, das damals hauptsächlich aus physikalischen Formeln bestand – allein das dauerte eine Stunde.

Gerade hat de Gennaro der Tageszeitung „Die Welt“ ein Interview gegeben, in dem er die Geschichte vom ersten Foto im Internet erzählt. Vielleicht waren die vier jungen Frauen, die de Gennaro mit der Software Photoshop vor einen scheußlichen Hintergrund aus Türkis und Hellblau gesetzt hatte, auch nur das erste Band-Porträt im Netz. In jedem Fall wirft seine Geschichte einen Blick in eine gar nicht all zu weit zurückliegende Zeit, die uns heute komplett fremd erscheint.

Viele Klicks haben die schrecklichen Cern-Mädchen nicht bekommen damals. Damals tummelten sich nur eine Hand voll Physiker im Netz. Und nicht einmal die Wissenschaftler des Cern mochten es so richtig. „Das Internet“, erinnert sich de Gennaro, „war damals nicht sonderlich beliebt. Vor allem die Franzosen haben es gehasst, weil alle auf Englisch schrieben.“

Dafür wurden Les Horribles Cernettes am Cern verehrt. Gegründet hatte die Band eine Sekretärin, die es satt hatte, abends immer auf ihren Freund zu warten, der als Physiker nächtelang Überstunden machte. Der Sixties-Pop-Song „Collider“ erzählt von diesem Konflikt zwischen Wissenschaft und Liebe.Andere Titel heißen „Flüssiger Stickstoff“ und Mein Schatzi ist ein Nobelpreis“.

Mit wechselnden Besetzungen trat die Band auf Physiker-Kongressen und sogar bei der Verleihung des Nobelpreises an den französichen Physiker Georges Charpak (1992) auf. Die Geschichte der Band wird an diesem Samstag enden. Dann geben Les Horribles Cernettes ihr allerletztes Konzert, wie sie auf ihrer Webseite schreiben. Davon wird es nicht nur Fotos geben, sondern sogar einen Live-Stream.

www.cernettes.com

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