Frisch-Biograf Volker Weidermann in Vellmar

Schreiben und Leben

Volker Weidermann

Vellmar. Max Frisch stellte immer sein Schreiben an die erste Stelle, ohne Rücksicht auf seine Ehen, Familie, Geliebten. Frisch konnte kalt sein, unbarmherzig und brutal. Gerade seine Partnerinnen wie Ingeborg Bachmann und Marianne Frisch fühlten sich missbraucht, entblößt, benutzt.

Dass Literatur und Leben bei keinem anderen Autor so eng zusammenhängen, den er kenne, machte Max-Frisch-Biograf Volker Weidermann bei seiner Lesung am Montagabend im vollen Kirchenzentrum Vellmar deutlich: „Das hat immer wieder Opfer gekostet.“ Dennoch habe er bei seinen Recherchen fast niemanden getroffen, der ein böses Wort über Frisch geäußert habe. Alle hätten „mit leuchtenden Augen“ erzählt.

Für den Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ist der Schweizer (1911-1991) auch das seltene Beispiel eines anfänglich nur mittelmäßigen Autors, der nach langer Pause doch zu Weltruhm gekommen sei. Diesen Weg zeichnete der 42-Jährige anhand von Schlüsselstellen - etwa zu „Homo Faber“ und „Montauk“ - aus seinem glänzenden Buch nach. Was Weidermann eindrucksvoll gelingt: Seine Faszination für Frischs Themen und Sprache spüren zu lassen, aber die nötige Distanz nicht zu verlieren.

Viel Zeit verbrachte Weidermann im Zürcher Frisch-Archiv. Dort lagern, wie er berichtete, noch unveröffentlichte Manuskripte und Briefwechsel, etwa mit Verleger Peter Suhrkamp. Dieser zeige beeindruckend, „wie ein Werk entsteht“. Über die Post von und an Ingeborg Bachmann beugen sich derzeit Erben und Anwälte - schon den Austausch der Briefe müsse man sich so vorstellen wie früher den der Spione auf der Glienicker Brücke. Volker Weidermann: Max Frisch. Sein Leben, seine Bücher. Kiepenheuer & Witsch, 408 S., 22,95 Euro.

Von Mark-Christian von Busse

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