Margaux Fragosos beeindruckendes Buch über ihren Missbrauch

Schreiben als Therapie

Schon 16 war sie, als eine Sozialarbeiterin beauftragt wurde, ihre Beziehung zu untersuchen. Nun würde Peter keine Ruhe mehr finden, ein Tribunal anheben. Also ist Peter Curran, 67, vom Felsen in Palisades Park (New Jersey) in den Tod gesprungen. Margaux hat er einen Abschiedsbrief hinterlassen. Die war 22, als sie seine Empfehlung las, ihre 15 gemeinsamen Jahre zu protokollieren.

So entstand dieses verstörende, ehrliche Buch. Kein Roman, sondern ein Erlebnisbericht mit poetischer Ambition, das ausführliche, selbstquälerische Plädoyer einer Frau, die mit sieben Jahren in die Fänge eines Pädophilen geriet. Es ist grundiert von der Suche nach Verständnis und macht gar keinen Hehl daraus, in der Tradition von Nabokovs „Lolita“ und Marguerite Duras’ „Der Liebhaber“ zu stehen. Natürlich erreicht es nicht die ästhetische Qualität dieser Klassiker der Weltliteratur. Was es ihnen voraushat, ist unbedingte Authentizität.

Margaux Fragoso hat das Buch einer beiderseitigen Verführung voller obsessiver Momente geschrieben, die Geschichte zweier, die sich eine eigene Welt als Fluchtpunkt gebaut haben. Sie ist das Kind einer psychisch labilen Mutter, deren Mann sich darin gefällt, sie in wuchernden Tiraden noch kränker zu reden.

„Ich war Peters Religion.“

Margaux Fragoso in „Tiger, Tiger“

Der puertoricanische Einwanderer - Goldschmied und Kriegsveteran - liebt nicht sie, sondern Alkohol und Glücksspiele. Das treibt Mutter und Tochter in die Flucht. Als sie im Schwimmbad einen netten Herrn treffen, ist er der Richtige. Das Kind ist sieben, er 51.

Nur vier Blocks entfernt, wird er ihnen ein Paradies bauen. Bei Peter im Keller bleibt die Welt draußen. Zunehmend versteht er es, das Kind allein zu empfangen und irgendwann drehen sich die Spiele um Sex, ohne dass jemand Verdacht schöpfen würde. Noch später reden sie sich die Schuldgefühle weg - er ist gierig, sie naiv. Margaux entdeckt Vergnügen daran zu necken, zu becircen, anzuflirten und zu erregen. Über Jahre geht das so, er ist ihr wichtigster Sozialkontakt. Noch in ihrer finalen Anklage wird eine Art von Zuneigung durchschimmern.

Themen wie Missbrauch, Schweigen, gestohlene Kindheit, Manipulation und Ignoranz sind selten so schmerzhaft klar dargestellt worden. Schreiben als Therapie: Dieses Buch nimmt sich mutig sehr viel Raum, weil der Teufelskreis aus Monstrosität, Banalität und Verdrängung sonst nicht zu durchbrechen gewesen wäre.

Margaux Fragoso: Tiger, Tiger. Frankfurter Verlagsanstalt. 462 Seiten, 24,90 Euro, Wertung: !!!!:

Von Ulrich Steinmetzger

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