Heute erscheint Orhan Pamuks erster Roman „Cevdet und seine Söhne“, der 1982 in der Türkei herauskam

Der Schriftsteller als junger Mann

Orhan Pamuk

Zu Recht wird bei Orhan Pamuk darauf hingewiesen, dass die Romane des türkischen Nobelpreisträgers in Wahrheit Reisen in die Seele seines Volkes seien. Dieser Romancier vom Bosporus, der neben Yasar Kemal und Nazan Hikmet wie kein anderer die türkische Literatur der Moderne in die Welt trägt, orientiert sich an europäischen Vorbildern wie Thomas Mann oder auch Leo Tolstoi. Das heißt nun nicht, dass das „Licht der Aufklärung“ im Lessing´schen Verständnis nach Osten wandern soll. Im Gegenteil: Orhan Pamuk steht mit seinem Werk mittlerweile für eine Entwicklung, die auf dem umgekehrten Weg das skeptische Westeuropa mit der Geistigkeit der türkischen Literatur vertraut macht. Das ist ein Geschenk.

Im Alter von Zweiundzwanzig hat Pamuk mit seinem ersten großen Roman - „Cevdet und seine Söhne“ begonnen, der 1982 in der Türkei erschien und jetzt in der Übertragung von Gerhard Meyer endlich auf Deutsch vorliegt.

Pamuk hatte sich viele Jahre geweigert, diesen großen Familienroman in andere Sprachen übersetzen zu lassen. „Cevet und seine Söhne“, vom Umfang und inneren Erzähldichte her vom Autor in die Nachbarschaft zu den „Buddenbrooks“ und „Anna Karenina“ gerückt, ähnelt freilich eher einem Werk wie der „Forsythe-Saga“ von John Galsworthy.

Die Geschichte beginnt im Sommer 1905, als sich der junge Kaufmann Cevdet nach Istanbul aufmacht, um seinen kranken Bruder und die Familie seiner Verlobten zu besuchen. Das osmanische Reich liegt in den letzten Zügen, die Ära von Sultan Abdülhamit geht ihrem Ende entgegen. In Istanbul stehen die Zeichen für Handel und Wandel nicht schlecht. Griechen, Armenier und Juden werden aus dem Land gedrängt. Cevdet gründet eine Familie und steigt ins Geschäftsleben ein. Pamuk weist im Nachwort auf gewisse Parallelen zu seiner eigenen Herkunft und Familie hin und vergleicht die Geschichte Cevdets mit der des Mitte der neunziger Jahre verstorbenen Großindustriellen Vehbi Koc, der in den sechziger Jahren nach Istanbul gezogen war und dort - ebenso wie Cevdet im Roman - in der Nähe von Nisantasi lebte, wo auch die Pamuks ansässig waren.

Es gibt also Querverbindungen autobiografischer Art. Pamuk entführt in eine uns kaum bekannte Welt, in das Istanbul des frühen 20. Jahrhunderts, in die Zeit des Aufbruchs der Jungtürken. Einige der Örtlichkeiten meint man aus den späteren Romane Pamuk wiederzuerkennen, zumal die märchenhafte, ebenso kluge wie fesselnde Sprachgewalt einen immer wieder in Bann schlägt.

Das Leben von Cevdets drei Kindern - Osman, Refik und Ayse - bildet das Herzstück der Handlung. So, wie sich die Traditionen des alten Osmanischen Reichs verabschieden müssen, bröckelt auch der Zusammenhang der Cevdet’schen Familiendynastie. Pamuk erzählt bereits in diesem ersten Roman von einer türkischen Gesellschaftsschicht, die sich ihrer Identität vergewissern will und zwischen Ost und West pendelt.

Allerdings weist dieses Frühwerk auch Schwächen, Längen und mitunter eine aus dem Ruder gelaufene Detailverliebtheit auf. Dennoch haben wir es mit einer Pionierleistung zu tun, die viel zur Überwindung von Fremdheit zwischen Orient und Okzident beiträgt. Orhan Pamuk - der Schriftsteller als junger Mann - so erleben wir ihn mit dieser Familiengeschichte, in der sich die Türkei in einem Spannungsfeld aus Tradition und Moderne spiegelt.

Orhan Pamuk: Cevdet und seine Söhne. Roman. Hanser, 664 Seiten, 24,90 Euro, Wertung: !!!!:

Von Wolf Scheller

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