Schrille Party: Oscar Wildes „Ein idealer Gatte“ am Deutschen Theater

Tolle Kostüme und Maske versetzen die Handlung in die heutige Zeit: Zudem werden sämtliche Rollen von Männern gespielt. Unser Foto zeigt (von links) Anton von Lucke, Lutz Gebhardt, Florian Eppinger, Benjamin Krüger, Gabriel von Berlepsch, Paul Wenning, Benjamin Kempf, Ronny Thalmeyer und Karl Miller. Foto: Aurin

Göttingen. Das Deutsche Theater Göttingen zeigt Oscar Wildes „Ein idealer Gatte“ in einer krachenden und mutigen Inszenierung.

Bekleidet mit einer seidenen Strumpfhose liegt der schönheitsverliebte Oscar Wilde auf einer Pritsche im Gefängnis, verurteilt zu zwei Jahren Zuchthaus wegen sexuellen Kontakts zu männlichen Prostituierten. Auf diese erste Szene folgt die schrille Party im Haus von Sir Robert Chiltern mit Gästen der noblen Londoner High Society, sämtlich von männlichen Schauspielern dargestellt.

Krachend und mutig ist die Inszenierung „Ein idealer Gatte“ von Oscar Wilde, die am Dienstag am Deutschen Theater in Göttingen Premiere hatte. Der Regisseur Thomas Dannemann verknüpft die Komödie aus dem Jahr 1894 mit Szenen aus dem hässlichen Strafprozess, den der erfolgreiche, homosexuelle Dandy Oscar Wilde im damals prüden Großbritannien durchstehen musste, der ihn aber demütigte und seine Existenz vernichtete.

Harte Gegensätze sind in dieser Inszenierung Prinzip. Die Gesellschaft im Haus des Politikers Sir Robert Chiltern, dargestellt von Gabriel von Berlepsch, ist alles andere als vornehm, sondern erinnert an ein Travestietheater. Die Damen, die eigentlich Männer sind, tragen schlabberige Abendkleider in Schwarz, haben einen Plüschhund an der Leine oder treten bauchbehaart im Bikini auf.

Lady Gertrud Chiltern, von Karl Miller überzeugend und schräg gespielt, führt eine quietschrosa Perücke sowie ein Tüllkleid gleicher Farbe aus. Mit dabei ist ein zeitgemäßes Mann-Frau-Wesen mit Bart und dunklen Kunsthaaren, Conchita Wurst zum Verwechseln ähnlich. Augenscheinlich scheinen sich die Gäste zu amüsieren, aber hinter der Fassade brodelt es.

Fast wie im Flug kommt der bildhübsche, selbstverliebte Lord Goring, den Emre Aksizoglu hervorragend verkörpert, mit einem Tanz und Glitzerjacke auf die Bühne. Er sieht aus wie Oscar Wilde und streitet mit seinem Vater Lord Caversham, der ihm Faulheit und Affektiertheit vorwirft.

Ungebetene Überraschung der Party ist Mrs. Cheveley, angereist, um die dunkle Vergangenheit des Gastgebers aufzudecken. Sie will den Politiker erpressen und konfrontiert dessen Ehefrau mit den schmutzigen Geschäften ihres Mannes. Lady Gertrud Chiltern ist fassungslos, aber es gibt ein Dokument.

Ausgerechnet der nichtsnutzige Lord Goring kriegt mit, dass Mrs. Cheveley eine Kette gestohlen hat, entlarvt sie als Diebin, fordert das Schreiben zurück und führt das Happy End herbei. Schließlich verzeiht Lady Gertrud Chiltern ihrem Mann.

Mit Ironie, Ideenreichtum und gleichzeitigem Ernst versetzt Thomas Dannemann die Komödie in die heutige Zeit. Das Abgedrehte, Dekadente sowie die Machenschaften mancher Konzerne stellt er in den Mittelpunkt. Kostüme und Maske sind toll, oft herrlich detailreich.

Die Einschübe des Prozesses anhand der Protokolle schmiegen sich in die Handlung, wirken jedoch vielfach zu lang. Gabriel von Berlepsch ist in der Rolle des Verteidigers laut und gellend. Das Unerträgliche wird allzu spürbar. Florian Eppinger ist als Oscar Wilde überragend: sprachgewandt, beherrscht, wunderbar arrogant, mit ironischem Humor. Zunächst verhaltener, aber langer Applaus und viele Vorhänge.

 

Wieder am 4., 9. und 14.1.
Karten: Tel. 0551 / 49 69-11
www.dt-goettingen.de

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