Pianist Gerhard Vielhaber beim Kultursommer

Schubert schockt mit Extremen

Gerhard Vielhaber Foto:  nh

Morschen. Bei Klassik geht es gesittet zu? Das mag für die Präsentation stimmen, doch Franz Schuberts späte Klaviersonate A-Dur hat eine Fantastik, die keine Bühnenshow benötigt. So gesehen liefert Schubert das Gegenteil eines Popsängers, der harmlose Lieder mit exzentrischem Aussehen kaschiert. Im musikalischen Material ist Lady Gaga biederer als Schubert.

Noch heute verstört der langsame Satz seiner vorletzten, im Todesjahr 1828 komponierten Klaviersonate. Der große Pianist Alfred Brendel hat das Andantino so beschrieben: „Trostlose Grazie, in der sich der Wahnsinn verbirgt, aus der er ausbricht, in die er zitternd zurückkehrt. Völliges Verlöschen.“ Das Toben in der Satzmitte gilt als die extremste Stelle des ganzen Schubert.

Gerhard Vielhaber (28) wählte die unergründliche Sonate als Höhepunkt seines Auftritts beim Kultursommer Nordhessen. „Klavierfest im Kloster“ hieß das Festival im Festival, bei dem von Freitag bis Sonntag internationale Pianisten im Kloster Haydau in Altmorschen (Schwalm-Eder-Kreis) gastierten.

Vielhaber, der schon als 12-Jähriger Unterricht bei dem renommierten Klavierpädagogen Karl-Heinz Kämmerling bekommen hatte, erfüllte das groß dimensionierte Werk mit drängender Spannung, ließ die Gesanglichkeit ebenso zu Recht kommen wie die Ecken und Kanten. Im recht schnell gespielten Andantino kam der Ausbruch straff und druckvoll.

Für den Beifall der hundert Zuhörer bedankte sich Vielhaber mit virtuosen Zugaben von Schumann (Intermezzo aus op. 26) und Skrjabin (Etüde op. 8/12). Was jedoch auffiel: In dem vergleichsweise kleinen Raum klang vieles ziemlich mächtig. Mozarts Sonate KV 311 am Konzertbeginn hätte man mehr Leichtigkeit gewünscht, doch dafür gab es mit Ravels „Valses nobles et sentimentales“ und Schuberts „Valses nobles“ eine nahe liegende wie geistvolle Programmidee.

Ravels Walzer haben es mit ihren Dissonanzen in sich. Vor hundert Jahren waren sie uraufgeführt worden, gänzlich ungesittet unter Protest- und Buhrufen des französischen Publikums.

Von Georg Pepl

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