Konzert von Amarcord und Cappella Sagittariana

Was Schütz von den Italienern lernte

Kassel. Einen Sinn für musikalischen Glanz und Feierlichkeit hat Heinrich Schütz von seinen Studien 1609 bis 1612 in Venedig mit nach Deutschland (auch nach Kassel) gebracht. Die prachtvolle Mehrchörigkeit, wie sie im Markusdom zelebriert wurde, hat Schütz für Kompositionen in deutscher Sprache eingesetzt - einer von vielen Impulsen für die protestantische Musik.

Es war ein Konzert als Lehrstück, das die fünf Sänger des Leipziger Ensembles Amarcord und drei Gäste gemeinsam mit den Instrumentalisten der Dresdner Cappella Sagittariana in der Kasseler Martinskirche unter der Leitung von Norbert Schuster boten.

Die erste Lektion betraf Schütz selbst: Von seinen kompositorischen Anfängen, der Motette „Vasto mar“ aus dem ersten Madrigalbuch von 1611, bis zur überwältigenden doppelchörigen Motette „Jauchzet dem Herrn alle Welt“ von 1670 reichte die chronologisch angelegte Werkfolge. Und zu bewundern war nicht nur die kunstvolle Satztechnik Schütz’, sondern vor allem seine im Lauf der Jahre immer eindringlicher werdende Deklamation und Wortausdeutung.

Die weite Lektion aber besagte: In Sachen Expressivität, bei der Erfindung kühner harmonischer Wendungen und auch an rhythmischer Prägnanz waren die italienischen Zeitgenossen dem strengen Deutschen voraus. Das gilt schon für Schütz’ Lehrer Gabrieli und dessen 1615 posthum erschienene Motette „In Ecclesis“, mehr noch für Claudio Monteverdis solistischem „Gloria a 7“ mit seinen satten Harmonien in tiefer Lage. Erst recht suchten die Komponisten der nächsten Generation, Carlo Pallavicino und Marco Giuseppe Peranda, nach neuen, individuelleren Ausdrucksmöglichkeiten.

Das Schöne an diesem herausragenden Konzert war jedoch: Auch wer mit Musikgeschichte nichts am Hut hatte, konnte einfach nur die herrlichen Stimmen bewundern und die Klangpracht barocker Bläser mit Zinken und Posaunen sowie die Farbigkeit alter Streichinstrumente genießen. Zu Recht gab es Riesenbeifall von den 500 Zuhörern.

Von Werner Fritsch

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