Die Kasseler Musiktage und das Heinrich-Schütz-Fest präsentieren alte und neue Vokalmusik

Schütz und die Welt des Gesangs

Heinrich Schütz (1585-1672) Foto: dpa

Kassel. Unter den großen Komponisten, die eng mit der Stadt Kassel verbunden sind, war Heinrich Schütz (1585-1672) in den zurückliegenden Jahren am wenigsten präsent. Das ändert sich in diesem Jahr zum 425. Geburtstag des Altmeisters: Er ist sowohl das Zentralgestirn der Kasseler Musiktage wie auch des darin eingeschlossenen 42. Internationalen Heinrich-Schütz-Festes.

Eine nahe liegendes Projekt, da der Gründer der Musiktage, Bärenreiter-Verleger Karl Vötterle, zugleich auch Mitgründer der hier ansässigen Internationalen Heinrich-Schütz-Gesellschaft war.

Patrik Ringborg, Dirigent

Wer Schütz sagt, der muss auch Chormusik sagen - denn die Domäne des ersten deutschen Komponisten von internationalem Rang war die Vokalmusik. Gesang, chorisch und solistisch, stellt Dieter Rexroth, der Leiter der Kasseler Musiktage, denn auch in den Mittelpunkt des Festivals vom 28. Oktober bis 14. November.

Unter dem Motto „Kreuzungen - Elend und Glanz“ wird neben Schütz aber auch ein ganzes Zeitalter besichtigt. In Schütz’ lange Lebenszeit - er wurde 87 Jahre alt - fiel nicht nur der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) mit seinen Verheerungen.

Es war auch musikalisch eine Zeit des Aufbruchs in ganz Europa: Von Italien ausgehend breitete sich der „Stile nuovo“ und damit die barocke konzertante Form des Musizierens aus. Gleichzeitig erlebte die Oper ihre Geburtsstunde. Eine Zeit der musikalischen Globalisierung also, die mit unserer vergleichbar ist. Die Kasseler Musiktage nehmen daher auch die neuen Entwicklungen der Vokalmusik in den Blick.

Marisol Montalvo, Sängerin.

An der Schnittstelle zwischen der Musik von Heinrich Schütz und gegenwärtigem Komponieren ist das Oratorium „Prosopopeia“ der Italienerin Lucia Ronchetti (47) angesiedelt, das vom Vocalensemble Kassel unter der Leitung von Eckhard Manz uraufgeführt wird.

Stars der Klassikszene kommen nach Kassel, um Musik von Schütz aufzuführen: „Heinrich Schütz und Italien“ ist das Thema der Dresdner Cappella Sagittariana, „Heinrich Schütz und seine Zeitgenossen“ beleuchtet das Ensemble Cantus Cölln mit Konrad Junghänel, und Frieder Bernius bringt mit seinem estnischen Chor Schütz in Zusammenhang mit Bach und Arvo Pärt.

Prominente Gesangssolisten wie die Sopranistin Marisol Montalvo (begleitet von Markus Bellheim) und die Stimmkünstlerin Salome Kammer bringen neue Vokalmusik zu Gehör, darunter mehrere Uraufführungen. Vorträge über Schütz in Kassel, Konzerte Kasseler Chöre und Musiker sowie ein Konzert mit Musik des hessischen Landgrafen Moritz beleuchten den lokalen Aspekt.

Auch groß besetzte Orchesterkonzerte fehlen nicht: Das Kasseler Staatsorchester mit Patrik Ringborg und dem Bariton Stephan Genz eröffnet das Festival mit Mahler-Liedern, und das HR-Sinfonieorchester mit dem Dirigenten Kristjan Järvi und dem Pianisten Alexander Toradze präsentiert Musik von Igor Strawinsky und Arvo Pärt.

Vorverkauf beim HNA-Kartenservice, Tel. 0561 / 203 204, www.kasseler-musiktage.de, www.schutzgesellschaft.de

Von Werner Fritsch

Die Konzerte

• 28.10., 20 Uhr, Opernhaus Kassel: Eröffnungskonzert mit dem : Staatsorchester Kassel, Patrik Ringborg (Leitung), Stephan Genz (Bariton): Mahler (Lieder aus des Knaben Wunderhorn), Cikker, Hartmann.
• 29.10., 18 Uhr, Alte Brüderkirche Kassel: Cembalokonzert Pieter Dirksen: Werke von Cabanilles, Couperin, Merula, Tomkins.
• 29.10., 20 Uhr, Martinskirche Kassel: Cappella Sagittariana Dresden Norbert Schuster: Heinrich Schütz und Italien.
• 30.10., 17 Uhr, Museum für Sepulkralkultur Kassel: Ensemble La Suave Melodia, Pieter Dirksen: Französische Kammermusik des Grand Siècle .
• 30.10., 20 Uhr, Martinskirche: Vocalensemble Kassel, Eckhard Manz: Lucia Ronchetti: Dramatisches Oratorium „Prosopopeia - A Study of Personification“ nach H. Schütz (Uraufführung).
• 31.10., 15 Uhr, Alte Brüderkirche: Ensemble Weser-Renaissance Bremen: Kompositionen von Landgraf Moritz von Hessen.
• 31.10., 18 Uhr, ev. Kirche Kassel-Kirchditmold: Kantorei Kirchditmold, Vocalconsort Kassel, Collegium Vocale, Michael Gerisch: „Dresdner Requiem“ von Rudolf Mauersberger.
• 1.11., 19.30 Uhr, Christuskirche Kassel: Mutare-Ensemble: „Dekalog“ für Instrumente von Gerhard Müller-Hornbach.
• 2.11., 20 Uhr, Martinskirche: Ensemble Cantus Cölln, Konrad Junghänel: Heinrich Schütz und seine Zeitgenossen
• 3.11., 20 Uhr, Alte Brüderkirche: Markus Schäfer (Tenor), Traudl Schmaderer (Sopran), Instrumentalisten: Thomas Daniel Schlee: „Ich, Hiob“ (Kirchenoper). '
• 4.11., 19 Uhr, Opernhaus: HR-Sinfonieorchester, Kristjan Järvi (Leitung), Mikhail Simonyan (Violine): Werke von Igor Strawinsky und Arvo Pärt.
• 6.11., 18 Uhr, Kulturbahnhof, Südflügel: Kai Wessel (Tenor), Rezitation und Instrumente: Marko Zdralek: „Terra Deserta“ (nach Christoph Ransmayrs Roman „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“).
• 7.11., 16 Uhr, Kulturbahnhof, Südflügel: Marisol Montalvo, Stephan Freiberger, Johannes An (Gesang), Markus Bellheim (Klavier): Neue Liederzyklen (Uraufführungen von Auftragswerken) sowie Klavierwerke von Robert Schumann. • 9.11., 20 Uhr, Martinskirche: Estnischer Philharmonischer Kammerchor, Frieder Bernius: Werke von Pärt, Schütz und Bach.
• 10.11., 20 Uhr, Alte Brüderkirche: Liederabend Salome Kammer: Werke von Hildegard von Bingen bis John Cage.
• 12.11., 20 Uhr, Alte Brüderkirche: Spohr-Kammerochester Kassel: Werke von Beethoven, Bruch, Händel, Hartmann, Pärt.
• 14.11., 18 Uhr, Martinskirche: Ensemble La Venexiana, Claudio Cavina (Leitung), Roberta Mameli (Sopran): Italienische Opernarien von Monteverdi, Cavalli, Scarlatti, Vivaldi und Händel

Zur Person:

Heinrich Schütz (1585-1672) gilt als der bedeutendste deutsche Komponist vor Johann Sebastian Bach. In Köstritz geboren, wurde Schütz von Landgraf Moritz von Hessen gefördert, der in am Kasseler Mauritianum ausbilden ließ, ihm ein Studium ihn Marburg und einen dreijährigen Studienaufenthalt in Venedig (1609-1612) als Schüler von Giovanni Gabrieli ermöglichte. 1615 ging Schütz nach Dresden zur damals führenden Hofkapelle, deren Leitung er von 1619 bis zu seinem Lebensende innehatte. Schütz komponierte überwiegend Vokalmusik und führte den damals modernen Generalbass-Stil in Deutschland ein, pflegte jedoch auch den alten polyfonen Vokalstil. Die natürliche und sinnbildliche Behandlung der deutschen Sprache zählt zu seinen herausragenden Leistungen. Am häufigsten aufgeführt werden seine drei späten Passionen und seine Weihnachtshistorie. Die umfangreichste Sammlung von Handschriften und Erstdrucken der Werke Heinrich Schütz’ befindet sich in der Murhardschen Bibliothek in Kassel. Eine Ausstellung „425 Jahre Schütz“ zeigt dort bis zum 14. November bedeutende Schätze, darunter das erste Madrigalbuch von 1611. Die 1930 gegründete Internationale Heinrich-Schütz-Gesellschaft hat ihren Sitz in Kassel. Im Jahr ihres 80-jährigen Bestehens feiert die Gesellschaft ihr Internationales Heinrich-Schütz-Fest in Kassel gemeinsam mit den Kasseler Musiktagen. (w.f.)

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