Wenn bei der Vergewaltigungsszene die Handykamera läuft - Theater vor neuen Problemen

Ein Schutzraum wird zerstört

Intensiv: Anke Stedingk als Troll bezwingt Peter Elter als Peer Gynt im gleichnamigen Stück am Kasseler Staatstheater. Foto: Ketz

Das Theater ist ein geschützter Raum. Seit einiger Zeit ist er jedoch bedroht. Die digitale Welt dringt in diesen Schutzraum ein und es besteht die Gefahr, dass sie ihn grundlegend zerstört. Mit Handykameras.

Zunehmend erleben Theaterleute, dass Zuschauer in Aufführungen mit ihren Handys filmen oder fotografieren - was nicht legal ist (siehe Hintergrund).

Regisseur Sebastian Schug, der regelmäßig am Kasseler Staatstheater inszeniert, hat das beobachtet: „Bei unserer Produktion des Teenagerdramas ,Frühlings Erwachen’ haben Schüler gezielt die Vergewaltigungsszene gefilmt.“ Vor allem junge Leute zückten im Parkett ihre Kameras und filmten das, was ihnen spektakulär erscheint.

Aus dem Zusammenhang

Existiert erst einmal eine illegale Aufnahme von einem Bühnengeschehen, ist das Theater als geschützter Raum zerstört. Dass Schauspieler nackt auftreten, dass sie extreme Sex- und Gewaltszenen spielen, ist überhaupt nur in so einem Schutzraum möglich. Wenn die Gefahr besteht, dass inszenierte Exzessbilder ohne Zusammenhang im Internet auftauchen, ist fraglich, ob sich Schauspieler oder Statisten auf entsprechende Regiekonzepte noch einlassen, fürchtet Rolf Bolwin, geschäftsführender Direktor des Bühnenvereins.

Anders als in der Film- oder der Musikbranche geht es hier nicht um einen materiellen Schaden in Form von Einnahmeverlust durch Schwarzkopien, sondern um die Veränderung einer Kunstform. Theater ereignet sich genau dann, wenn Besucher zusammenkommen, um Darstellern zuzusehen, die eine bestimmte Aktion ausführen, um eine Welt, eine Atmosphäre, einen Gedanken, eine Botschaft konkret werden zu lassen.

„Die Jugendlichen sind das gewöhnt, die fotografieren auch sonst alles“, konstatiert die Pressesprecherin des Kasseler Staatstheaters, Astrid Horst, die immer wieder Menschen mit Kameras im Parkett sieht. Die Abendspielleitung des Staatstheaters bittet in jeder Aufführung jene, die sie erwischt, das Filmen zu unterlassen, „das klappt in der Regel“, so Horst.

Auch Joachim von Burchard, Leiter Junges Schauspiel am Deutschen Theater in Göttingen, sieht durch neue Medien Herausforderungen aufs Theater zukommen. Er sucht derzeit eine passende Form, Hitori Nakanos Theaterstück „Train Man“ auf die Bühne zu bringen, das komplett in einem Internet-Blog spielt. Damit geht er den umgekehrten Weg und holt die neue Technikwelt auf die Bühne. Digital oder analog, sein Hauptanliegen ist: „mit den Besuchern mehr in einen Dialog zu kommen“. Notfalls sogar über illegale Fotos.

Von Bettina Fraschke

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