Trügerische Nähe: documenta-Künstler Tino Sehgal bespielt die Turbinenhalle der Tate Modern in London

Ein Schwarm in Bewegung

Der Einzelne und die Menge: Die Beteiligten der Tino-Sehgal-Performance mischen sich in der riesigen Turbinenhalle der Tate Modern unter das Publikum, agieren manchmal allein und dann wieder im Chor. Fotos: Fröhlich

London. Die Turbinenhalle der Tate Modern ist einer der imposantesten Museumsräume der Welt. Mit einer Höhe von 35 Metern und 3400 Quadratmetern Grundfläche wirkt sie wie eine weltliche Kathedrale, die jeden Besucher auf Zwergenmaß schrumpft.

Seit die Tate im Jahr 2000 das umgebaute Kraftwerk am Südufer der Themse mit ihrer Sammlung moderner Kunst bezog, lädt sie in regelmäßigen Abständen Künstler ein, den mit Abstand größten Raum des ehemaligen Industriebaus nach Belieben zu bespielen. 2010 beispielsweise bedeckte Ai Weiwei den Hallenboden mit 100 Millionen Sonnenblumenkernen aus Porzellan. Noch bis zum Wochenende präsentiert die Tate Modern „These Associations“, eine Arbeit des documenta-13-Künstlers Tino Sehgal.

„This Variation“, der Beitrag des 36-jährigen Deutsch-Briten zur documenta, war eines der verstecktesten und zugleich beliebtesten Kunstwerke der Kasseler Ausstellung. Nicht jeder Besucher fand den Eingang zu Sehgals Black Box im Hinterhof des Hugenottenhauses - doch kaum jemanden ließ die Begegnung mit den dort im Dunkel agierenden Tänzern unberührt zurück.

In London ist die Situation grundlegend anders: Von der Brücke, die sich auf Höhe des ersten Stockwerks durch die Halle zieht, kann man Sehgals Performer sofort ausmachen.

Wie ein Schwarm von Tieren bewegen sich die rund 60 jungen und alten Menschen in Alltagskleidung durch die Weite des Raumes, schlurfen, rennen, mit- und gegeneinander. Oder sie halten inne und hocken sich auf den Fußboden.

Wenn man herabsteigt und sich ihnen nähert, kann es passieren, dass eine der Personen aus der Menge ausschert, an den Besucher herantritt und ihm eine Geschichte erzählt. Eine junge Frau berichtet zum Beispiel, wie sie zum ersten Mal nach Jahren in ihre italienische Heimat zurückkehrte und sich in unberührter Natur zurück in die Renaissance versetzt fühlte, einen Moment der Zeitlosigkeit erlebte. Ein seltsamer Augenblick von Intimität inmitten der riesigen Halle entsteht, oder eher doch: von scheinbarer Intimität. Die Dame ist nicht wirklich an einem Austausch interessiert.

Sie lächelt scheu, dreht sich um und wird wieder Teil der Gruppe, die sich unvermittelt in einen Chor verwandelt. „Humans! Humans! Nature! Humans!“ und „Born in a technological age“ singt und ruft es rhythmisch aus 60 Kehlen, die Beleuchtung flackert im Takt. Licht und Stimmen füllen jeden Winkel der Turbinenhalle. Der Besucher steht in ihrem Zentrum, still und überwältigt.

Bis 28. Oktober, Eintritt frei, Infos: www.tate.org.uk/visit/tate-modern

Von Fabian Fröhlich

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