Der schwarze Bob Dylan: Rap-Urvater Gil Scott-Heron starb mit 62

Feierte zuletzt ein Comeback: US-Musiker Gil Scott-Heron (1949 bis 2001). Foto:  XL Recordings

Als Gil Scott-Heron im vergangenen Sommer im Kasseler Kulturzelt auftrat, machte er das, was große Künstler normalerweise nie tun: Er verzichtete auf seinen größten Hit „The Revolution Will Not Be Televised“.

In dem medienkritischen Jazzfunk-Stück aus dem Jahr 1970 prangert der „schwarze Dylan“, wie er genannt wurde, die weiße Dominanz der damaligen US-Medienwelt an. Sein Satz, dass die Revolution nicht im Fernsehen übertragen werde, wurde zum geflügelten Wort und berühmter als seine Musik.

Nun ist Scott-Heron still und leise mit 62 Jahren in New York gestorben, wie seine Freundin mitteilte. Nach der Rückkehr von einer Europa-Reise sei er krank geworden. Es ist das Ende einer außergewöhnlichen Karriere, in der er auch ohne kommerzielle Hits zum „Martin Luther King des Pop“ wurde.

Der Sohn eines jamaikanischen Fußballstars, der in Tennessee bei seiner Großmutter aufwuchs, sang seine Texte nicht, sondern sprach sie, weshalb er als Urvater des Rap gilt. Dabei hat er mit den posenden HipHoppern nicht viel gemein. In den 70ern schrieb Scott-Heron Romane, ehe er später im Drogensumpf versank.

2001 wurde er wegen Kokainbesitzes verhaftet. Aus der berüchtigten New Yorker Gefängnisinsel Rikers Island wurde er zweimal entlassen und musste doch zweimal zurück, weil er nicht zu Therapiesitzungen erschienen war. Außerdem infizierte er sich mit dem HIV-Virus.

Zum Comeback verhalf dem dreifachen Vater, der auch Großvater war, der britische Label-Manager Richard Russell. Nachdem er ihn im Gefängnis besucht hatte, veröffentlichte er bei seiner Plattenfirma XL Recordings im vergangenen Jahr das viel beachtete Album „I’m New Here“, auf dem Scott-Heron zu zurückgenommenen Beats und Soundscapes in seinem sonoren Sprechgesang von seinem Leben erzählt.

Vor allem die Jugend entdeckte den Altmeister neu. Superstar Kanye West etwa sampelte seine Songs. Und erst im Februar veröffentlichte Jamie Smith von der englischen Band The XX eine überarbeitete Version von „I’m New Here“. Scott-Heron hätte noch viel zu erzählen gehabt. Nun ist er verstummt.

Von Matthias Lohr

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