Jubel für Klaus Florian Vogt

Bayreuth: Hans Neuenfels deutet in Bayreuth den „Lohengrin“ psychologisch 

Zwei Frauen als Kraftpole, dazwischen der Gralsritter: (von links) Annette Dasch (Elsa), Klaus Florian Vogt (Lohengrin) und Petra Lang (Ortrud) in Hans Neuenfels’ „Lohengrin“-Inszenierung. Foto: Bayreuther Festspiele/nh

Bayreuth. Wie soll man sich einem Mann hingeben, wenn um das Brautbett herum Beobachterstühle stehen? Elsa kann es nicht. Bei allem romantischen Beteuern ihres Schwanenritters Lohengrin. Sie entwindet sich und sieht gar im Liebesnest zerfledderte Federn auftauchen.

Die Liebe ist bei Hans Neuenfels eine Versuchsanordnung - und muss scheitern an der Unfähigkeit, den Partner als den zu sehen, der er wirklich ist.

Mit Jubel und Fußtrampeln sind am Mittwoch in Bayreuth Neuenfels’ Inszenierung von Richard Wagners „Lohengrin“ und Klaus Florian Vogt gefeiert worden, der die Titelrolle von Jonas Kaufmann übernommen hat. Mit seiner überzeugenden Personenregie gibt Neuenfels der Oper eine psychologische Deutung. Andris Nelsons gestaltet dazu den Orchesterklang filigran-nuanciert, leicht und durchschimmernd.

So wie Neuenfels den „Lohengrin“ inszeniert, müsste das Werk eigentlich „Ortrud“ heißen. Die Gegenspielerin des scheiternden Liebespaars Lohengrin und Elsa ist die stärkste Figur des Abends. Petra Lang gestaltet bewegende Momente, etwa wenn die Frauen einander umkreisen und beide gleich angezogen sind: als weißer (Elsa) und als schwarzer Schwan im pompösen Federkleid. Die Reine und die Intrigantin: zwei Seiten derselben Medaille. Und dann küsst Ortrud Elsa auf den Mund: Machtanspruch und Begehren werden eins. Ortrud intrigiert mit den Mitteln der Sexualität. Alles wird ihr Sex, alles verleibt sie sich ein - wenn sie Telramund gefügig macht, wenn sie Elsa bearbeitet und in ihrer Kammer einen Dekoschwan zwischen die Beine nimmt.

Und am Schluss - wenn die Hoffnung auf Erlösung längst kollabiert ist - erscheint Ortrud in einem tragikomischen Schwanen-Kostüm mit schiefer Krone (Bühne und Kostüme: Reinhard von der Thannen). Petra Langs vielschichtiger Mezzo ist verführerisch, aber nie simpel-hexenhaft.

Grandios präsentiert sich Vogt als Lohengrin. Ohne Kraftanstrengung meistert er die Partie, lässt seinen hellen Tenor weich strömen. Besonders vielseitig gestaltet er die Gralserzählung, wo er ganz sanft und innig wird. Annette Dasch ist als Elsa diesem Gegenpart stimmlich zunächst nicht ganz gewachsen, erst im dritten Aufzug ist ihr farbenreicher Sopran klar genug konturiert. Glanzlichter setzen ferner Georg Zeppenfeld als schwächlicher König Heinrich mit delikatem Bass, Tómas Tómasson als getriebener Telramund und Samuel Youn als hochpräsenter Heerrufer.

Um sie herum: die Ratten. Das Liebes-Experiment findet bei Hans Neuenfels in einem Labor statt, Nager mit roten Glühaugen wuseln herum. Der Mensch geht in der Masse unter und wünscht sich doch, durch die Liebe zum Individuum zu werden. Ein überzeugendes (nur vereinzelt ausgebuhtes) Bild, das sich mit all dem Pfötchengekratze im Laufe des Abends aber ein wenig abnutzt.

Von Bettina Fraschke

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