Schwarzer Humor: Wieso dem farbigen Kabarettisten Marius Jung Rassismus vorgeworfen wird

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Hat ein satirisches „Handbuch für Negerfreunde“ geschrieben: Der Kölner Kabarettist Marius Jung (49). Foto: dpa

Marius Jung wäre am Donnerstag gern als Rassist ausgezeichnet worden. Der Kölner Kabarettist und Schauspieler (49) ist schwarz und hat ein „Handbuch für Negerfreunde“ geschrieben. „Singen können die alle!“ ist eine Satire auf den alltäglichen Rassismus.

So steht es auch im Klappentext, aber der Studentenrat der Uni Leipzig hat den Spaß nicht verstanden. Er schickte dem Carlsen-Verlag ein Schreiben, worin es heißt, die „Werbemaßnahme“ für das Buch werde mit der Auszeichnung „Der Preis ist heißßßß – oder auch nicht“ prämiert.

Am Donnerstag sollte der Preis verliehen werden. Jung wäre gern nach Leipzig gefahren, um mit den Studenten zu reden, Aber die Veranstaltung wurde verschoben. Es gab zu viel Wirbel. Dafür wird nun überall diskutiert über die Auswüchse politischer Korrektheit und die Frage, wer hier der Rassist ist.

Jung ist es sicher nicht. Er wurde 1965 in Trier geboren und wuchs in Königswinter bei Bonn mit seiner weißen Mutter und seinem weißen Vater auf, der nicht sein leiblicher Vater ist – die Mutter hatte eine Affäre mit einem schwarzen US-Soldaten.

In seinem Buch, das ein amüsanter Mix aus Satire und Biografie ist, schildert Jung, wie er sich als Kind ausdachte, sein Opa sei ein schwarzer Lokomotivführer gewesen. Er erzählt, wie er später als Schauspieler gern einen Bösewicht gespielt hätte, die Redakteure sich aber nicht trauten, die Rolle mit einem Schwarzen zu besetzen. Und er verrät, wie Journalisten ins Schwitzen kommen, weil sie nicht wissen, wie sie sein Aussehen benennen dürfen: Ist er ein Farbiger, ein Maximalpigmentierter oder ein POC, was für People of Colour (farbige Menschen) steht?

Im Buch verwendet Jung das Wort Neger für sich, was nichts anderes als schwarz bedeutet, mittlerweile aber verpönt ist und aus Kinderbüchern gestrichen wird, als könnte man so das Denken in den Köpfen ändern. Die Mitglieder des Leipziger Studentenrats würden niemals Neger sagen. Sie nennen sich „Student_innenRat“ und schreiben „jed_r“, wenn sie „jeder“ meinen. Einen Sprachpreis werden sie nicht bekommen.

Ihnen ginge es nicht um das Buch, sagen sie nun, sondern um das Cover, das Jung nackt mit einer Schleife zeigt. Davon könnten sich schwarze Menschen verletzt fühlen. Als könnten Schwarze Satire nicht verstehen. Und als könnte ein schwarzer Autor nicht selbst über sich entscheiden.

Carlsen-Lektor Oliver Thomas Domzalski wirft den „Gesinnungswächtern“ Rassismus vor. Für sie seien Schwarze immer nur Opfer, die beschützt werden müssen. So dachten wohl auch Buchhändler, die das Buch nicht auslegen wollten. Mittlerweile rangiert das „Handbuch für Negerfreunde“ bei Amazon weit oben. „Als Werbung ist die Debatte unbezahlbar“, sagt Domzalski.

Marius Jung: Singen können die alle! Handbuch für Negerfreunde. Carlsen-Verlag, 160 Seiten, 8,99 Euro. Wertung: Vier von fünf Sternen

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