Schweiger-"Tatort": Wichtigtuerei um Hollywood-Action

Da bleibt nur die Panzerfaust: Nick Tschiller (Til Schweiger) schießt sich den Weg frei. Foto: ndr

Alle „Trottel" außer Til: Til Schweigers „Tatort: Fegefeuer" aus Hamburg schmiert bei der Quote ab, und der Schauspieler stichelt bei Facebook gegen seine Kritiker.

Der Riesen-Bohei, den der Norddeutsche Rundfunk um die „Tatort“-Doppelfolge mit Til Schweiger gemacht hat, entpuppte sich als Wichtigtuerei, die exakt zum Einer-gegen-alle-Habitus des Actionkrimis von Christoph Darnstädt (Buch) und Regisseur Christian Alvart passte: Nick Tschiller (Schweiger) gegen den Rest der Welt.

Anders als üblich, hatte der Sender Teil 2 von Sonntagabend, „Fegefeuer“, Journalisten nicht zur Voransicht zur Verfügung gestellt. Warum eigentlich? Wohl weil der empfindliche Schweiger es mit seinen Kinofilmen grundsätzlich genauso hält.

Auf Facebook meldete sich der 52-Jährige Sonntagnacht mit einer Art Liebeserklärung an Alvart zu Wort: Der habe „ein Stück deutsche Fernsehgeschichte“ geschaffen: „Kompromisslos, atemlos, viril, phantastisch für das schmale Geld..... andere verschwenden das Budget für zwei moppelige Kommissare, die ne Currywurst verspeisen, oder ein Bier vor einem bayrischen Imbiss zocken.“ Seine Kritiker nannte Schweiger unehrlich, weil „schwach und klein“. Kurz: „Trottel“ ohne Ahnung von Filmkunst.

Nun wird die Frage „Wo ist Firat Astan?“ als roter Faden des Thrillers sicher nicht so legendär wie das „Wo ist Behle?“ des Sportreporters Bruno Moravetz. Es wäre die leichteste Übung, all die albern realitätsfernen Unwahrscheinlichkeiten und Klischees dieses Kampfs auf Leben und Tod aufzulisten, bei dem man kaum mit dem Zählen nachkam, wie vieler Gegner sich Tschiller mit den Fäusten und, falls nötig, auch mit der Panzerfaust entledigte. Obwohl: Wie Tschiller seine sterbende Frau höchstpersönlich ins Krankenhaus trägt, diese Szene aus dem Neujahrs-„Tatort“ war dann doch sehr einprägsam.

Ein mit der Russenmafia im Bunde befindlicher, koksender Innensenator, der vor Kameras zu Tode fällt (ein allerdings vorhersehbares Ende), Russen, die ausgerüstet wie die GSG 9 mit Hubschraubern in Hamburg landen – in der russischen Botschaft dürfte man das nicht mit Behagen gesehen haben. Die Szenen waren genauso abstrus wie der Moment, als Clanchef Firat Astan (Erdal Yildiz) plötzlich reflektiert wie im Sozialkundeunterricht über Parallelgesellschaften sinnierte. Überhaupt klangen viele Filmsätze hölzern und ausgedacht („Blutrache ist wie eine Erlösung“, „dann geht die Seele kaputt“).

Als Actionthriller eines Darstellers, der zu heftig von Hollywood träumt, funktionierte „Fegefeuer“ aber gut. Das Mann-gegen-Mann-Finale war tatsächlich aufregend, die Geiselnahme im „Tagesschau“-Studio eine ungewöhnliche Idee, atmosphärisch gab es mit den Kammerspiel-Momenten im Krisenstab ebensowie schauspielerisch nichts zu mäkeln. Toll waren etwa Fahri Yardim und Britta Hammelstein als Schweigers loyale Kollegen Yalcin Gümer und Ines Kallwey.

Trotzdem sahen nur 7,69 Mio. Zuschauer (Marktanteil: 19,9 Prozent) zu. Der erste Teil, „Der große Schmerz“, hatte Neujahr noch ebenfalls unterdurchschnittliche 8,24 Mio. Zuschauer. Ohne annähernd vergleichbaren Werbeaufwand und Medienrummel kam „Der Bergdoktor“ im ZDF auf beachtliche 7,04 Millionen (18,2 Prozent).

Ein Rätsel ist nun, wie sich der Tschiller-„Tatort“ künftig noch zu steigern vermag (vielleicht mit nuklearer Bewaffnung?), vor allem aber, woher Schweigers Selbstbezogenheit rührt. Vielleicht müsste das ein Psychologe beantworten. „Es geht nur darum, wer den Größeren hat, wie auf dem Schulhof“, kommentierte Staatsanwältin Lennerz (Edita Malovcic).

Ein paar Mal zu oft war davon die Rede, dass Tschiller „total wahnsinnig“ und „verrückt“ sei. Alles dreht sich eben allein um ihn, den kampfstarken, unbezwingbaren Til, den zugleich fürsorglichen Familienvater, dem noch in höchster Lebensgefahr die eigene Tochter Luna (als Filmtochter Lenny) wie ein Geist erscheint. Der Versuch, Selbstironie einzuführen („Kommunikation ist nicht so seine Sache, der Bursche kommt aus der hessischen Provinz“) wirkte eher unbeholfen. Diese gänzlich ungebrochene Schweiger’sche Helden-Egozentrik aber ist vor allem eines: peinlich.

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