Die Hamburger Band Die Sterne entdeckt auf der neuen CD die Disco und liegt damit genau richtig

Schweine auf der Tanzfläche

Nur noch drei Sterne: Frank Spilker (von links), Thomas Wenzel und Christoph Leich. Foto:  nh

Richard von der Schulenburg, der bisherige Keyboarder der Sterne, ist nicht mehr dabei. Er wollte das neue Sound-Konzept nicht mittragen. So sind es nur noch drei Sterne: Sänger Frank Spilker, Schlagzeuger Christoph Leich und Thomas Wenzel, der Bassist.

Schrumpfung hin, Schrumpfung her - wichtiger ist, dass die Hamburger Band nach gut drei Jahren Pause wieder da ist. Schließlich ist „24/7“ die beste Platte seit „In echt“ (1994) und „Posen“ (1996). Ziemlich funky waren Die Sterne damals, nah dran an George Clinton und Sly And The Family Stone.

Spilker sang: „Universal Tellerwäscher“ und „Was hat dich bloß so ruiniert“. Er sang kleine ironisch-sarkastische Alltagsgeschichten mit leichter Melancholie in der Stimme. Gern auch eine griffige Parole von links außen. Sprechgesang, dem HipHop wahlverwandt, kein Kitsch, kaum Pathos. Diskursrock nannte man das. Mehr denn je gelten Clubs als Wochenend-Wohnzimmer, als der profanen Alltagswirklichkeit enthobene Refugien des Hedonismus.

Auf dem zweiten Song des neuen Albums, „Depressionen aus der Hölle“, verkrümelt sich der Erzähler mit seinen Depressionen genau dorthin, in den Club, „will da wohnen“. Er meldet aber auch Zweifel an: am Traum vom totalen Hier und Jetzt, an den ganzen Hippness-Codes, am Überdruss: „Immer was Neues, kennt man schon.“ Verloren ist der Glaube an eine bessere Zukunft: „Weiß nicht mehr, was wirklich hilft.“

Für den Moment aber hilft eben doch: die Disco, der Club. Und eben dort sind Die Sterne nun auch musikalisch angekommen, mit ihrem neuen Produzenten und inoffiziellen vierten Bandmitglied Mathias Modica vom Munich-House-Projekt Munk. Man mag einwenden, dass dieser neue Sound der Sterne genau das nicht ist: neu. Tatsächlich arbeiten die meisten Stücke an dieser sehr typischen Verkettung von House, Spät-70er-Disco und dem Munich Pop eines Giorgio Moroder, inklusive Flummibass, Orgelekstase, primitivem Discoklavier und Stringteppichen. Alles hübsch zusammengeschnürt zu hochmelodischen Verbindungen aus Song und Track so wie es bereits vor einer kleinen Pop-Ewigkeit LCD Soundsystem und Hot Chip getan haben.

Hört man Spilker zu, meint man, die einzig denkbaren Text-Reaktionen auf Neoliberalismus und Turbokapitalismus seien Ironie, Spott und Sarkasmus, in dunklen widersprüchlichen Bildern.

Er singt: „Von Menschen auserkoren, die anderen zu bedienen / Dienstleistungsmaschinen / Wie ein Schwein.“ Das Schwein, ein genetisch naher Verwandter des Menschen, ist am Ende tot. Aufgefressen. Spilker singt solche und andere garstige Zeilen so freundlich wie nie. Sehr irritierend.

Die Sterne: 24/7, (Materie Records), Wertung: !!!!!

Von Michael Saager

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