Zwei tätowierte Berliner geben als Haudegen dem kleinen Mann eine Stimme und sind jetzt in den Charts

Schwere Jungs mit leichter Kost

+
Zwei ehemalige Türsteher beschwören die Moral der alten Zeiten: Hagen Stoll (links) und sein Kumpel Sven Gillert sind Haudegen.

Man kann Hagen Stoll und Sven Gillert nicht vorwerfen, dass sie es nicht ernst meinten mit ihrem Dank an die Fans. Mit ihrem Debütalbum „Schlicht & Ergreifend“ haben es die Berliner als Rockduo Haudegen gerade in die Top Ten der Charts geschafft.

Und nun machen sie ein unglaubliches Angebot: Die beiden schweren Männer lassen sich die Namen der Käufer ihrer CD auf die Beine tätowieren.

Mindestens zweieinhalbtausend Namen passen darauf, hat Stoll ausgerechnet, für den das nicht einfach ein Werbe-Gag ist. „Die Fans sind sinnbildlich unsere Beine, auf denen wir stehen und laufen“, sagt der 36-Jährige, der am Oberkörper bis zum Hals tätowiert ist, im Interview mit unserer Zeitung.

Solch ein Treuebekenntnis für die Ewigkeit hat es noch nicht gegeben. Erst einmal genießen die beiden Haudegen jedoch den Moment. Auf dem Doppelalbum vereinen die singenden „Ostberliner Gossenpoeten“, wie sie sich selbst nennen, harte Gitarren mit pompösen Pop-Melodien, für die das Deutsche Filmorchester Babelsberg sorgt.

Dazu singt Stoll mit seiner Reibeisenstimme Texte, die dem kleinen Mann eine Stimme geben. In „Schlicht & Ergreifend“ heißt es: „Zeiten sind rau / Die Moral liegt getreten am Boden / Bei einem Blick aus deinem Fenster raus / Wirst du belogen und betrogen.“ Bei Haudegen treffen die Puhdys auf die Böhsen Onkelz und Reinhard Mey.

Moral der alten Zeiten

Zudem erinnert ihr Erfolg an den Grafen und seine Band Unheilig: Auch hier geben sich starke Männer gefühlvoll und haben keine Angst vor romantischem Kitsch. Stoll und Gillert kleiden sich wie Handwerksburschen, tragen Schiebermützen, unterstützen Sozialarbeiter auf der Straße und beschwören in simpler Lyrik die Moral der alten Zeiten wie in „Alles war besser“.

Geprägt wurden die Jugendfreunde vom Ostberliner Plattenbaubezirk Marzahn, in dem sie nach der Wende zwischen Gewalt und Arbeitslosigkeit aufwuchsen. Stoll und Gillert machten eine Lehre auf dem Bau und arbeiteten als Türsteher, ehe sie als Rapper unter den Namen Joe Rilla und Tyron bei Aggro Berlin, dem Label von Sido und Bushido, erste Erfolge feierten.

„HipHop war der Spielplatz, auf dem wir uns ausgetobt haben. Mit 30 ist es aber Zeit, sich zu verändern“, sagt der zweifache Familienvater Stoll, der mittlerweile im Berliner Umland wohnt, über den Stilwechsel. Deutschen Liedermacherrock mochte er schon immer. Auf seiner Brust prangt ein Porträt-Tattoo von Klaus Lage („1000 und 1 Nacht“).

Ihre Haut erzählt ihre Geschichte. Das gilt auch für Gillerts Freundin: Die junge Frau hat sich den Titel der Single „Eine Frau, ein Wort“ auf ihr Dekolleté tätowieren lassen.

Haudegen: Schlicht & Ergreifend (Warner). Wertung: !!!::

Von Matthias Lohr

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.