Das Schwere wird ganz leicht: Saxofonstar James Carter in Kassel

Kassel. Das Leichte und das Schwere: 300 Kilo wiegt die Hammond-Orgel aus dem Jahr 1963, die extra für diesen Abend aus Düsseldorf geholt wurde und nicht durch die Tür des Kasseler Theaterstübchens passte, weshalb der Rahmen entfernt werden musste. Dann tritt das bestens gelaunte James Carter Organ Trio auf die Bühne des Clubs, und alles fühlt sich plötzlich ganz leicht an.

Der Abend ist Django Reinhardt gewidmet. „Django unchained“ heißt das Programm in Anlehnung an den Tarantino-Western. In der Tat: Das Konzert ist eine einzige Entfesselung, ein wilder Ritt in die Freiheit des Jazz.

So hat noch niemand den großen Gitarristen interpretiert. War das noch Reinhardt? Eher nicht, und es ist eigentlich auch egal. In James Carter kulminiert der Free Jazz der 60er-Jahre. Aber es ist doch noch etwas ganz anderes, neu, unverbraucht und in jeder Minute überraschend.

Wie Carter das Tenor-, Alt-, oder Sopransaxofon in höchste Höhen schraubt, um abrupt in die tiefsten Tiefen zu fallen, ist einfach unglaublich. Er formt Töne, Phrasen, Linien, die man nicht für möglich gehalten hätte. Gypsy-Swing wird hier zu Funk. Natürlich resultiert der kochende Sound dieses Trios aus der Kombination von Saxofon und Orgel. Organist Gerard Gibbs führt die Tradition von Richard „Groove“ Holmes und Jimmy Smith weiter, die einmal eine Ganze Ära geprägt haben. Faszinierende Lässigkeit, ungebändigte Kraft, enorme Souveränität.

Die unerschöpfliche Energie überträgt sich, fährt einen in die Magengrube und breitet sich im Herzen aus. Irgendwann kann sich Schlagzeuger Leonard King, dessen Spiel maßvoll, subtil und inspirierend ist, nicht mehr halten. Er springt hervor, umarmt Carter und schließt Gibbs in seine Arme.

Pures Glück. Standing Ovations, eine Zugabe.

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