Interview: Bassist Mark Tavassol über das neue Album seiner Band "Wir sind Helden"

Die Band Wir sind Helden hatte es nie leicht, seitdem sie 2003 mit dem konsumkritischen Album „Die Reklamation“ über Nacht bekannt wurde. Der Satiriker Wiglaf Droste verhöhnte das Quartett als „Attac- und Juso-Mitschunkelband“, andere schrieben von „Bundespräsidentenrock“, weil Christian Wulf ein Fan von Wir sind Helden ist.

Heute erscheint das vierte Album „Bring mich nach Hause“. Judith Holofernes singt vom Verlaufen und von Verlorenheit sowie Zeilen wie „Es gibt nichts, was wir tun können“. Neben der Melancholie gibt es aber auch gute Laune und beschwingte Balladen. Wir sind Helden sind nun kein Sprachrohr einer Generation mehr, sondern einfach eine gute Band. Wir sprachen mit Bassist Mark Tavassol (36).

Judith Holofernes sagt über das neue Album, dass es ein bisschen weniger „Haha“ und dafür ein wenig mehr „Hmmm“ sei. Was meint Sie damit?

Mark Tavassol: Sie bringt damit sehr gut auf den Punkt, dass es ein bisschen ernster, schwerer und dunkler geworden ist - sowohl musikalisch als auch textlich. Es gibt eine Entwicklung bei uns: Weg von der Gesellschaftskritik, hin zu persönlichen Sichtweisen und philosophischen Fragen. Die Texte sind anregend, aber nicht mehr bis zum letzten durcherklärt.

Sie spielen jetzt nicht mehr nur Bass, sondern auch Gitarre, Banjo und eine arabische Laute. Außerdem sind ein Akkordeon und ein Glockenspiel zu hören und kaum mehr die NDW-Synthies, die früher den Sound bestimmten. Wie kam es dazu?

Tavassol: 2007 haben wir während unserer Konzerte häufig Unplugged-Sets eingebaut. Ich habe damals zum Beispiel Geige gespielt. Das haben wir jetzt aufgegriffen. „Bring mich nach Hause“ ist unser akustischstes Album geworden.

Produziert hat „Bring mich nach Hause“ der Brite Ian Davenport, mit dem Sie im Studio Englisch sprechen mussten. Sorgt das nicht für Verwirrung bei einer Band, deren deutsche Texte nicht ganz unwichtig sind?

Tavassol: Stimmt, das kann gehörig in die Hose gehen. Ian hat in der Schule nur wenige Brocken Deutsch gelernt. Als wir bei unserem ersten Treffen darüber redeten, merkten wir, dass die Sorge bei ihm größer war als bei uns. Danach hat er sich englische Übersetzungen unserer alten Songs geben lassen. Und bei der Aufnahme haben wir mehr über die Texte gesprochen als bei jedem anderen Album. So gesehen war die Sprachbarriere ein Vorteil.

Judith Holofernes hat mit Schlagzeuger Pola Roy mittlerweile zwei Kinder. Klappt das immer reibungslos, wenn Sie mit Kindern auf Tour sind?

Tavassol: Durch die Tour mit ihrem ersten Sohn haben wir gesehen, dass es sehr wohl geht. Ein bisschen war es wie in einem Wanderzirkus. Aber letztlich braucht man die Kinderbetreuung ja nur für die paar Stunden, die wir auf der Bühne stehen. Dieses Jahr werden wir vielleicht sogar drei Kinder bei unseren Konzerten haben: Jean-Michel ist mittlerweile auch Vater geworden.

Und Sie? Werden Sie den Wir-sind-Helden-Kindergarten demnächst vergrößern?

Tavassol: Meine Freundin und ich sind verlobt, aber von Nachwuchs wissen wir noch nichts.

Tavassol: Die Berufe haben erst einmal nichts miteinander zu tun. Diese Andersartigkeit macht einem bewusst, welches Privileg es ist, künstlerisch arbeiten zu können. Ich bin als Arzt damals sehr glücklich gewesen, aber die Arbeitsbedingungen werden immer unfairer. Von vielen ehemaligen Kommilitonen weiß ich, dass sie morgens keine Lust mehr haben, an die Arbeit zu gehen.

Würden Sie trotzdem manchmal gern Ihren Status als Popstar mit Ihrem alten Beruf tauschen?

Tavassol: Wenn ich höre, dass ein Kollege von früher gerade Oberarzt geworden ist, werde ich schon manchmal wehmütig. Aber ich würde nicht tauschen wollen.

Wir sind Helden: Bring mich nach Hause (Columbia). Wertung: vier von fünf Sternen

Zur Band

Mitglieder: Judith Holofernes (33, eigentlich Judith Holfelder, Gesang, Gitarre), Mark Tavassol (36, Bass), Pola Roy (34, eigentlich Sebastian Roy, Schlagzeug) und Jean-Michel Tourette (35, eigentlich Jens-Michael Eckhoff, Keyboard).

Gegründet: 2000

Größter Hit: „Guten Tag“ (2002)

Privates: Tavassol lebt mit seiner Freundin in Hamburg, Holofernes und Roy mit ihren beiden Kindern in Berlin und Tourette mit seiner Familie in Hannover.

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