Ihr schwillt der Kamm: Anny Hartmann in der Komödie

Bissig: Anny Hartmann in der Komödie. Foto: Fischer

Kassel. So harmlos, wie sie aussieht, ist sie nicht. Sie ist zynisch, bissig, intelligent, spöttisch, analytisch. Auf den Bewertungsnenner gebracht: Sie ist großartig.

Montagabend gastierte Kabarettistin Anny Hartmann mit ihrem Jahresrückblick „Schwamm drüber“ in der fast ausverkauften Komödie. Das Fazit vorweg: Es war ein gnadenlos witziger, ein ungemein unterhaltender, aber auch ein menschlich aufrüttelnder Abend.

Der gelernten Volkswirtin, die vom Comedy-Fach ins politische Kabarett wechselte, gelingt diese Mischung, denn sie ist nicht nur mit ihrem Verstand und ihrer Schlagfertigkeit bei der Sache, sondern auch mit einer nicht zu überhörenden Wut auf all das, was eine Klassengesellschaft auszeichnet. „Uli Hoeneß ist bei über drei Millionen Steuerhinterziehung noch in Amt und Würden, während andere schon wegen Pfandbons entlassen werden.“ Da schwillt ihr der Kamm. Da führt sie sogar Christian Wulff zum Vergleich an. „Um 753 Euro geht es bei dem, vergleichen Sie mal.“

Auch die Flüchtlings- und Asylpolitik ist ihr ein Gräuel. Ebenso, dass „die Polizei Tränengas einsetzen darf, eine Praxis, die in Kriegen verboten ist“. Und: „Wieso ist Polizei überhaupt bei Demos dabei?“

Eine entwürdigende Szene, die sich in einem Jobcenter abgespielt haben soll, spielt sie nach. Auch hier lacht man und ist zugleich betroffen. Keine Überraschung, wie sie bei all dem zu Politikern steht: „Gäbe es Briefmarken mit Politikern drauf, würden die nicht kleben, weil die Leute auf die falsche Seite spucken würden.“

Im Grunde ist Hartmanns Jahresrückblick keiner, der sich an Daten und Namen klammert, sondern eine zeitlose Abrechnung, bei der die Ereignisse als Beispiele fungieren, dass sich auch im vergangenen Jahr nichts am Kräfteverhältnis zwischen den Mächtigen und der Basis geändert hat. Ungerechtigkeit bleibt Trumpf. Das verpackt sie mit so viel Witz, Zynismus und Menschlichkeit, dass man ihr zu diesem Programm nur gratulieren kann. Das Publikum sah es genauso und spendete viel Applaus.

Von Steve Kuberczyk-Stein

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