Scorpions-Sänger Klaus Meine: "Meine Droge war die Musik"

Eigentlich wollten sie schon im Ruhestand sein, aber die Scorpions können nicht aufhören. Die Hardrock-Band aus Hannover gibt auch nach 50 Jahren Vollgas, wie Sänger Klaus Meine sagt.

Auch „Return To Forever“ klingt wie jedes andere Scorpions-Album. Die 16 Songs bieten melodischen Stadion-Hardrock, harte Gitarren-Riffs und Power-Balladen. Das muss keine Enttäuschung sein. Von AC/DC erwartet man auch nicht, dass sie mit Elektronik experimentieren.

Nach vielen Schmähungen wird die weltweit erfolgreiche Band plötzlich auch von Kritikern gelobt. Selbst der aus Hannover stammende Schriftsteller Tex Rubinowitz, der sich früher geschämt hat, aus derselben Stadt wie die Scorpions zu kommen, schreibt: „Klaus Meines Stimme schneidet immer noch astrein wie eine Eierharfe das steinhartgekochte Ei.“ Wir sprachen mit dem Sänger (66), dessen Band 50 wird.

Herr Meine, das neue Album hat alle überrascht, denn 2010 hatten Sie angekündigt, bald aufhören zu wollen. Sind Sie noch zu jung für die Rente?

Klaus Meine: Wir waren 2010 an einem Punkt, an dem wir nicht mehr wussten, ob wir noch einmal ein richtig amtliches Album aufnehmen würden und auf diesem Level weiterhin pro Jahr 100 Konzerte in 30 Ländern spielen können. Zugleich wussten wir, dass man auf der Autobahn nicht von 250 auf Null abbremsen kann. Wir wollten ein bisschen den Fuß vom Gas nehmen. Dann kam das Angebot für MTV Unplugged, das wir nicht ablehnen konnten. Bei der Vorbereitung darauf merkten wir: In den Scorpions steckt noch sehr viel Leidenschaft. Deshalb geben wir jetzt weiter Gas.

Stimmt es, dass es Ihnen erst gar nicht bewusst war, dass Sie dieses Jahr das 50-jährige Bestehen der Band feiern können? 

Meine: Ja, ungefähr vor einem Jahr kam Rudolf Schenker zu unserem Manager und sagte, dass er ein altes Kassenbuch von seiner Mutter gefunden habe, datiert auf den September 1965. Er hatte sich damals von seinen Eltern Geld für Equipment geliehen. Als er das erzählte, war klar, dass wir ein Jubiläum haben, das nicht viele Bands feiern können.

Wie überlebt man ein halbes Jahrhundert Sex and Drugs and Rock’n’Roll? 

Meine: Wenn man sich auf Sex und Rock’n’Roll beschränkt, hat man eine größere Chance, da durchzukommen. Die beste Droge war für mich immer die Musik. Als wir in den 80ern durch die USA getourt sind, lag das All-inclusive-Party-Ticket ständig auf dem Tisch. Drogen und Partys - alles war möglich. Da musst du die Power haben und auch mal Nein sagen.

Sie sind seit 40 Jahren mit Ihrer Frau zusammen und leben nach wie vor in Ihrer Heimatstadt Hannover. Sind Sie ein bodenständiger Typ? 

Meine: Ich denke schon. Mit den Scorpions sind wir einerseits Kosmopoliten. Andererseits sind wir unseren Wurzeln immer treu geblieben. Das liegt vielleicht an der Mentalität der sturmfesten und erdverwachsenen Niedersachsen. Für uns war es immer heilsam, in das unaufgeregte Hannover zurückzukehren nach dem ganzen Wahnsinn da draußen. Wenn wir in Hollywood gelebt hätten, hätten wir das alles wohl nicht überstanden.

Haben Sie nie ans Aufhören gedacht? Nicht mal in den 90ern, als mit Nirvana der Grunge aufkam und die Scorpions als uncool galten? 

Meine: Klar, das war eine musikalische Revolution. Alle Bands, die in den 80ern erfolgreich waren, mussten in den 90ern um ihr Überleben kämpfen. Auch die Scorpions. Alle hörten Grunge und Alternative, und wir waren plötzlich die Band von gestern. Man musste sehr stark sein, um diese Phase zu überstehen. In den Nullerjahren war dann wieder eine junge Generation am Start, die Classic Rock für sich entdeckt hat. Jetzt waren es die Alternative-Bands, die ums Überleben kämpfen mussten.

Vor 25 Jahren haben Sie mit „Wind Of Change“ den Soundtrack zur friedlichen Revolution in Osteuropa geliefert. Wäre es angesichts der Kriege und internationalen Krisen heute nicht Zeit für einen neuen Song, der die Welt besser macht? 

Meine: Musik kann die Welt leider nicht verändern, aber sie gibt Menschen die Power, schwierige Zeiten zu überstehen. Es ist beängstigend, dass eine junge Generation nun wieder Angst vor einem Krieg in Europa haben muss. Wir haben das Ende des Kalten Krieges miterlebt und dachten, so etwas würde es nie mehr geben. Zurzeit scheint vieles rückwärtsgewandt. Ich hoffe aber, dass der Dialog nicht abreißt. Die Zeit ist reif für einen neuen „Wind of Change“.

Scorpions: Return To Forever (Seven One Music/Sony).

Wertung: vier von fünf Sternen

Zur Band

Mitglieder: (von links) Pawel Maciwoda (Bass, 47), Rudolf Schenker (Gitarre, 66), Klaus Meine (Gesang, 66), Matthias Jabs (Gitarre, 59) und James Kottak (Schlagzeug, 52). Gegründet: 1965 in Hannover. Der ausgebildete Dekorateur Meine stieß 1969 zur Band. Verkaufte Tonträger: Mehr als 100 Millionen Größte Hits: „Rock You Like A Hurricane“, „Still Loving You“, „Wind Of Change“ Privates: Meine, Vater eines Sohnes, lebt mit seiner Frau in Hannover. Der Film: Am 26. März kommt die Tour-Doku „Forever and a Day“ von Katja von Garnier („Ostwind“) ins Kino. Foto: Rath

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