Dina Ugorskaja spielte bei den Kasseler Musiktagen Beethovens letzte Klaviersonaten

Sechsfache Gipfelbesteigung

Allein mit Beethoven: Dina Urgorskaja. Foto: Fischer

Kassel. Immer wieder Beethoven. Mit ihm wird man nie fertig. Weder als Interpret noch als Hörer. Das war auch bei den Kasseler Musiktagen so, wo die Pianistin Dina Ugorskaja (39) an zwei ausverkauften Abenden im Ständesaal die letzten sechs der 32 Klaviersonaten spielte.

Nur eine Gemeinsamkeit vereint die späten Beethoven-Sonaten: Sie lassen sich in kein Schema pressen, jede einzelne eröffnet eine eigene musikalische Welt. Für Pianisten bedeutet so ein Programm eine sechsfache Gipfelbesteigung, die sie mit gehörigem Respekt angehen.

Am besten auch mit Courage. Und davon besitzt Dina Ugorskaja eine Menge. Einen besseren Start in den Doppelabend hätte es nicht geben können. Die e-Moll-Sonate op. 90 setzt im ersten Satz klare Konturen, und der zweite wird von einem gesanglichen Thema beherrscht. Beide Charaktere waren bei Ugorskaja in besten Händen. Zu den herausragenden Qualitäten ihres Spiel gehört ihre klare und bestimmte Artikulation, unterstützt durch einen sparsamen Pedalgebrauch. Und sie phrasiert - dies kam vor allem im zweiten Satz zum Tragen - sehr natürlich und unmanieriert.

Überhaupt verzichtet Ugorskaja auf pianistisches Blendwerk und scheut spielerische Risiken nicht. So bringt sie den Hörern Beethovens Musik sehr nahe. Alles wirkt ungeheuer spontan und lebendig - aber auch ungeschützt.

Beherrscht wurde der erste Abend von der „Hammerklaviersonate“ op. 106, jenem dreiviertelstündigen Sonaten-Ungetüm in B-Dur, das Spielern und Hörern das Höchste abverlangt. Und hier stieß die Münchener Pianistin auch an Grenzen. Nicht im grandiosen ersten Satz, den sie mit bewundernswertem Zugriff meisterte, nicht einmal im Fugen-Finale, obwohl es da einen Aussetzer gab (wie übrigens auch in der Fuge von op. 110). Stattdessen verlor sie sich in den schier unendlichen Weiten des Adagio-Satzes, wo mit pianistischen Mitteln wenig auszurichten ist. Vielleicht braucht es einfach ein ganzes Pianistenleben, um sich diese Ausdruckswelt zu erschließen.

Eine Erfahrung, die sich am zweiten Abend im allerletzten Sonatensatz Beethovens wiederholte - bei der Arietta der c-Moll-Sonate op. 111. Dieser Satz, in dem der Pianist Edwin Fischer den Vorschein des Jenseits zu erkennen glaubte, vereint auf unvergleichliche Weise Ruhe und Bewegung, ja, er kommt auf sanfte Weise ins Swingen. Ugorskaja beließ es auch hier bei einem weitgehend buchstabierenden Spiel.

Allerdings gab es auch am zweiten Abend Momente herrlicher Klavierkunst: Etwa im ersten Satz der As-Dur-Sonate op. 110, wenn das feine Thema in eine elegante Wellenbewegung übergeht. Diese Delikatesse servierte Ugorskaja wie viele weitere mit großer Noblesse. Langer Applaus.

Von Werner Fritsch

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