Die vielen Schattierungen einer Farbe: Hans Holbeins Flügelaltar „Graue Passion“ in Stuttgart

Wir sehen plötzlich anders

Verspottet: Hans Holbein der Jüngere hat Christi Leidensgeschichte, hier die Tafel „Ecce Homo“ („Seht, welch ein Mensch“), gemalt. Fotos:  Staatsgalerie

Stuttgart. Grau ist nicht gleich grau. Wer wusste dies besser als Hans Holbein der Ältere vor rund 500 Jahren? Jetzt ist seine „Graue Passion“ nach sorgfältiger, aufwändiger Restaurierung in der Staatsgalerie Stuttgart zu sehen.

Vorurteile sind zäh. So stand der Augsburger Maler immer im Schatten seines berühmteren, weltläufigen, in Basel zu Ehren gelangten, in London gefeierten und 1543 gestorbenen Sohnes Hans Holbein des Jüngeren. Nun setzt sich die Erkenntnis durch, dass sich der Vater nicht zu verstecken braucht: Er ist einer der größten Künstler der Dürerzeit. Die Ausstellung belegt dies und rückt sämtliche Vorurteile zur Seite. Und das auf glänzende Weise, wobei man ein weiteres Vorurteil aus dem Wege räumen muss, nämlich, dass die Farbe Grau nicht glänzen könne. Und wie sie’s tut!

Holbein konnte es auch herkömmlich, mit normalen Farben - bei Altären in Weingarten (bei Ravensburg), Frankfurt, Kaisheim (bei Donauwörth) oder Hohenburg (im Elsass). Aber seine aufregendste Arbeit, zwischen 1494 und 1500 geschaffen, ist der Flügelaltar, die „Graue Passion“, den das Land Baden-Württemberg 2003 für 13,2 Millionen Euro dem Haus Fürstenberg in Donaueschingen abgekauft hat.

Tatsächlich sind sechs der zwölf Tafeln grau, dazu kommen beige, grau-weiß, blau-grau, ein weißes Schwarz und ein schwarzes Beige. Warum so viel grau gemischtes Einerlei? Weil es den Blick schärft, weil sich Konturen plastisch herausheben, weil es die Passion Christi offenbar macht, einen dunklen Vorgang heraushebt ins Scheinwerferlicht. Wir sehen plötzlich anders.

In den Gesichtern spiegeln sich Wut, der giftig geifernde Zorn der Häscher, die Christus quälen. Blöde aufgerissene Münder, stechende Augen, verkrampfte Fäuste. Nur Christus in goldenem Strahlenkranz schaut gleichmütig, ein Wissender, dem weder Fesseln, Spott oder Dornenkrone etwas anhaben können. Am Ende ist er der Gewinner, die Wächter sind äffisch erschrocken. Er, gelassen wie stets, steht vor dem aufgebrochenen Grab. Ein Siegertyp.

Dass die Grau-in-Grau-Malerei weder Holbeins Erfindung noch sein Monopol ist, aber nur von Meistern zu leisten war, ist an erlesenen Beispielen nachzuvollziehen, etwa an Jan van Eycks „Verkündigungs“-Diptychon (um 1440) aus Madrid. Fast 150 Exponate sind Holbein gegenübergestellt, Altäre, Zeichnungen, Grafiken, Skulpturen, Glasbilder. Von Dürer hat die Wiener Albertina die selten zu sehende, empfindliche „Grüne Passion“ ins Rennen geschickt.

Und damit man nicht auf die Idee kommt, dass Holbeins Kopfbedeckungen seine skurrile Kreationen gewesen sein könnten, sind Helme aus Spezialmuseen ausgeliehen worden, etwa die Hundsgugel mit Sehschlitz und spitzem Visier.

Was bleibt, ist der Eindruck von Christi Gesicht. Ernst. Den Sieg vor Augen - vor, während und nach der Erniedrigung.

Bis 20. März. Katalog (Hatje Cantz) 39 Euro. Infos: www.staatsgalerie.de

Von Wolfgang Minaty

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