Sehenswert: Im Fridericianum stellen Mitarbeiter des Aufbauteams ihre Kunst aus

Wie ein eigener Kosmos: Katrin Leitner gestaltete einen ganzen Raum. Sie nennt ihre Installation „neo-geo_cognitive drifts“ (2014-2016). Fotos:  Schachtschneider

Kassel. Susanne Pfeffer, Leiterin des Fridericianums, nennt ihre Kasseler Mitarbeiter „das beste Aufbauteam, mit dem ich je gearbeitet habe“. Die meisten seien selbst Künstler, deshalb brächten sie die nötige Erfahrung und Sensibilität mit, so Pfeffer.

So ist die gestern Abend eröffnete Ausstellung „As far as anyone could recall“ auch ein Dankeschön – vereint sind ausschließlich künstlerische Arbeiten aus ihrem Team.

Die Kuratorin

Als Kuratorin eingeladen hat Pfeffer eine 36 Jahre alte US-Amerikanerin, die in Amsterdam lebt: Angela Jerardi. Sie hatte – anders als ihre Mitarbeiter, die Eigenheiten und Geschichte des Fridericianum aus dem Effeff kennen – den Blick von außen. Diese Perspektive machte sich Jerardi zunutze.

Die Absolventin des Kuratorenprogramms am De Appel Amsterdam sieht es als eigenständiges Objekt, als „Charakter“ in einer „Erzählung“. Sie spürt den Verwandlungen des traditionsreichen Hauses nach – es war Parlament, Bibliothek, Museum, Kunsthalle und Kriegsruine –, fragt, wie Erinnerungen in Räumen verwurzelt sind, wie Gedächtnis und Gebäude zusammen funktionieren. Auf einer Vitrine liegen Grundrisse der Nachkriegszeit, man kann darin blättern und sehen, welche Ideen es für das Fridericianum gab, als Standort eines Observatoriums oder für die Alten Meister.

Die Kunst

Kunst mit Tiefenwirkung: „T3“ aus der Serie „Fragmente 1“ von Ingmar Mruk, dahinter Malerei von Walter Peter.

Björn Wolf, der mit einer Reihe von Objekten aus gegensätzlichen Materialien – Beton, Basalt, verbranntem Holz, aber auch mit einem Luftballon – vertreten ist, hat ein Stück aus der Fridericianumswand als Leihgabe zur Verfügung gestellt: Es stammt von den Bohrungen für Iole de Freitas’ Installation bei der documenta 12. Mit Architektur und ihrer Wirkung setzt sich auch Ingmar Mruk auseinander, mit einer unscheinbaren Irritation im Treppenhaus wie mit Malerei. Torben Röse hat mit Acrylfarbe Steinbögen an die Wand der Rotunde gemalt.

Jerardi hat die Fenster nicht verschlossen, die Sonne leuchtet in die Säle, in denen die Arbeiten sich großartig entfalten, Jürgen Zähringers „Zwei Bögen für einen Pfeil“ etwa, Fotografien von Bernd Schlake oder Acrylmalerei von Walter Peter, die eine Mulde an der Prinzenquelle nahe der Hessenschanze verfremdet darstellt und eine ganz verblüffende Raum- und Tiefenwirkung entwickelt.

Dagegen hat Katrin Leitner, die im Vermittlungsteam mitarbeitet, den zentralen Raum in Schwarz getaucht. Sie hat sich viel mit Mineralogie, Geologie, Kognitions- und Neurowissenschaften beschäftigt. Infolge ihres riesigen, per Hand gezeichneten Rasters scheint sich der Boden zu wölben, die darauf stehenden Objekte erinnern an Kristalle oder Landschaftsschichten.

Einen Einblick in eine Vorratskammer – wie gemacht zur aktuellen Sicherheitsdebatte – gibt martinafischer13, etwas versteckt interpretiert Tilman Hatje mit seinem Video den Sisyphos-Mythos neu: eine Straßenlaterne wird mit viel Kraftaufwand ausgetreten und beginnt wieder zu leuchten. Außerdem beteiligt: Eric Pries & Maja Wirkus, Peter Freund, Sebastian Amelung, Miriam Aust.

Alles in allem eine sehenswerte Schau – schade nur, dass sie lediglich bis zur Museumsnacht am 3. September geöffnet hat. Am 24.9. beginnt dann als letzte Ausstellung, ehe das Fridericianum Anfang 2017 an die documenta übergeben wird, eine Retrospektive des Japaners Tetsumi Kudo (1935-1990).

 

Bis 3.9. Di-So 11-18 Uhr, Eintritt 5 (3) Euro, mittwochs frei. www.fridericianum.org

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