Der Wiener Autor Clemens Berger las im Bali-Kino aus seinem Roman „Das Streichelinstitut“

Von der Sehnsucht nach Nähe

Clemens Berger

Kassel. Angefangen hat er als Fußballer („meine große Passion“), recht erfolgreich, bis eine Meniskusverletzung ihn aus der Bahn warf. Der Gegensatz zwischen dem Sport und seiner jetzigen Tätigkeit ist groß. Denn was der Wiener Autor Clemens Berger (31) in Romanen, Erzählungen und Theaterstücken beschreibt, umfasst subtile Gefühle genauso wie die ironische Betrachtung gesellschaftlicher Phänomene.

Zart, aber nachhaltig ist auch das Talent, das den Helden seines neuen Romans „Das Streichelinstitut“ auszeichnet, aus dem Berger am Sonntag im Bali vorlas, zwischen den Kapiteln zu Weltsicht und Schreibtechnik befragt von Martin Maria Schwarz (HR).

Berger interessieren skurrile Geschichten, in denen er „die Signatur der Gegenwart“ erkennt. Und so unterzieht er seine Kunstfigur Sebastian einem „Transformationsprozess“ (Berger), der gleichzeitig ein satirisches Licht auf (nicht nur) österreichische Lebensverhältnisse wirft. Sebastian, hochintellektueller, sensibler Langzeitstudent, der sich nicht zur Fertigstellung seiner Dissertation durchringen kann, gründet - inspiriert von seiner Freundin Anna - ein „Streichelinstitut“. Hier kann er sein besonderes Talent, das bisher nur Anna zugutekam, der „Lumpenbourgeoisie“ anbieten, gegen Honorar, versteht sich - und zwar „nur oberhalb der Gürtellinie“, no sex. Das Institut wird ein Erfolg, und aus dem an Adorno und der Frankfurter Schule orientierten Gesellschaftskritiker Sebastian, der sich „beruflich“ Severin nennt, nach und nach ein Profiteur des von ihm so verachteten Kapitalismus.

Doch auch er unterliegt der Versuchung, die eigenen Regeln zu brechen. Zumal, als eine schöne, reiche Kundin in die Firma einsteigt und die Sache in die Hand nimmt. Berger schildert mit viel Witz die Ausbeutung der Sehnsucht nach Nähe. Die Idee ist, wie Berger verschmitzt mitteilte, nicht patentiert - Nachahmung also nicht ausgeschlossen.

Clemens Berger: Das Streichelinstitut. Wallstein, 360 S., 19,90 Euro Foto: v. Dehn

Von Claudia v. Dehn

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