Angelo Branduardi begeisterte mit vielschichtiger Emotionalität in Kassels Stadthalle

Wo die Sehnsucht wohnt

Wanderer zwischen Zeiten und Welten: Angelo Branduardi beim Auftritt in Kassel. Foto: Fischer

Kassel. Was hätte Anne-Sophie Mutter dazu gesagt? Der italienische Multi-Instrumentalist und Sänger Angelo Branduardi behauptete bei seinem gut besuchten Konzert in der Kasseler Stadthalle, dass die Geige eigentlich männlich dekliniert werden müsse. Sie sei doch der König unter den Instrumenten und nur mit viel Testosteron spielbar.

Da rutschte ihm aber ein Berlusconi in das Manuskript, doch den Rest des Abends war er ganz der grande signore mit großem Gestus und würdevoller Gelassenheit. Im schwarzen Frack, silbergelockt und von einem grandiosen Quartett begleitet, präsentierte er ein Best-of-Programm seiner fast vierzigjährigen Karriere.

Seine Kompositionen schweben zwischen Weltmusik und barockem Schlagerpop auf Wolke Dur/Moll durch eine zeitlose Ästhetik, die das Publikum tief bewegt. Die Einflüsse eines Claudio Monteverdi (Frühbarock) oder Andrea Gabrieli (Renaissance) arbeitet er bewusst in die Außenfassade seiner Songs hinein, aktualisiert den Klangkörper mit modernster Technik und holt damit die Menschen dort ab, wo ihre Sehnsucht am größten ist - bei der Suche nach Harmonie und Tradition.

Es bedurfte gar nicht der vielen Worte, mit denen sich Branduardi zu Beginn des Konzertes zu erklären versuchte. Tragende Stücke wie „Alla Fiera dell’est“ oder „Fou de Love“ sprachen für sich. Und dass man im Märchenwald auch mal mit einer Horde Zigeuner die Pilze in den Boden tanzen kann, bewies man mit dem Stück „Il Sultano di Babylonia“.

Dazu ein „I santi“ im 7/4- Takt und „Ballo in fa“ mit einer spektakulären Gong-Akzentuierung sorgten für anspruchsvolle Unterhaltung. Branduardis Stimme wirkte manchmal etwas brüchig, und auch eine Violinsaite lag nicht immer perfekt in der Stimmung. Dafür erreichte man mit der Bühnendekoration und der Lichtanimation die volle Punktzahl.

Zum Schluss ließ man dann auch einmal den Pathos im Schrank und schickte das Publikum mit einem beschwingtem Calypso in die warme Nacht. Dieses bedankte sich mit Standing Ovations bei einem Künstler, der die musikalische Konversation zwischen alter Musik, Pop und Schlager sensibel und anspruchsvoll zu inszenieren weiß.

Von Andreas Köthe

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